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Text und Fotos Friedrich Klawiter
WIENER CIRCUS
Schoten, 19. April 2014

www.wienercircus.com
Auf seiner alljährlichen Tour durch den flämischen Landesteil Belgiens machte der Wiener Circus zu Ostern in Schoten Station und wartet wie stets mit einem neuen, attraktiven Programm auf. In der Kleinstadt im Umland Antwerpens gastiert der Circus direkt am idyllisch gelegenen Yachthafen. Romantisch leuchten Zelt und die große Fassade in der Frühlingssonne über das Wasser.
Das schmucke blau-weiße Zwei-Masten-Chapiteau misst sechsundzwanzig Meter Durchmesser und ist eine spezielle Konstruktion. Die am Transportwagen des Chapiteau befestigten Masten werden an diesem hochgeklappt und ist das Zelt aufgebaut, bildet der Wagen die große runde Bühne, die im Wiener Circus an Stelle der Manege als Spielstätte dient. Diese Konstruktion ermöglicht es, vollkommen auf das einschlagen von Ankenr zu verzichten, da die Abseglungen der Rondellstangen, wie vielfach in unseren Nachbarländern praktiziert, an den dicht um das Zelt stehenden Wagen verzurrt werden.
Der große Fassadenwagen mit dem integrierten Kassenschalter beherrscht den Platz. Er erstrahlt frisch renoviert in Gold- und Blautönen und  die vier großen Motive, die die weit auskragende Front zieren, ziehen das Auge des Betrachters auf sich.
Die Lkw und Wagen, allesamt in den Hausfarben weiß, blau und gelb gehalten, erzählen von der langen Geschichte des Wiener Circus; die Oldtimer stehen schon lange im Dienst des Unternehmens. Die Wohnwagen und Campings sind auf diesem Platz im hinteren Bereich aufgestellt und den Blicken der Besucher weitestgehend entzogen.
Die heimelig-romantische Atmosphäre nimmt die Besucher des im Innern rot-weißen Chapiteau gefangen. Vier Tribünenwagen mit fest montieren Gradinreihen stehen für die Besucher bereit. Üppig und kunstvoll verzierte Logen direkt an der Bühne ergänzen die Einrichtung. Im gleichen, orientalisch insprierten Dekor ist der große Artisteneingang gehalten. Die sechs zierlichen Gittermast-Quaderpools tragen die zahlreichen Beleuchtungskörper der virtuos eingesetzten Lichtanlage. Vier moderne Movingheads komplettieren das Arrangement und sorgen für stimmungsvolle Effekte.
Die Circusrestauration hat ihren Platz hinter einem roten Vorhang, der sich ausschließlich während der Pause hebt, neben dem Artisteneingang.

Direktor Ricky Cannone gestaltet auf seiner goldenen Trompete die Ouverture.
Gleich im Anschluss erleben wir die erste der beiden Dressurnummern des Programms. Das Duo Chaves  bringt seine quicklebendigen und gelehrigen Jack Russell Terrier auf die Bühne. Die Hunde beherrschen eine Vielzahl verschiedenster Tricks, überspringen hohe Hürden, laufen auf einer Walze und zeigen verschiedene Sprünge. Als Zofe kostümiert schiebt ein Hund einen Kinderwagen mit einem weiteren darin und in Sambakostümen tanzen zwei Hundepaare über die Bühne.
Joshua Ukmar überzeugt mit seinen vielseitigen Jonglagen. Der zehnjährige Nachwuchsartist arbeitet mit Ringen, Badmintonschlägern, beleuchteten Bällen und Keulen. Sicher und souverän werden die vielfältigen Muster mit den jeweiligen Requisiten dargeboten.
Xavier tritt während er Show als souveräner, sehr angenehmer Moderator in Erscheinung, der seine Kollegen und ihre Leistungen stets in idealer Weise ankündigt.
Akrobatik im Mond wird von Miss Carla in Perfektion dargeboten. Kraftvoll und elegant werden die unterschiedlichen Posen ausgeführt und die Drehung des Requisits erhöht den Schauwert. Abschließend nimmt die Artistin ihren Platz im Innern einer Kugel von etwa siebzig Zentimeter Durchmesser ein. Diese ist drehbar in einem Gestell gelagert und wird nur durch Gewichtsverlagerung von Miss Carla einige Zeit in schneller Rotation gehalten.
Auch in diesem Jahr zeigt der portugiesische Clown Leonel Chaves aus seinem umfangreichen Repertoire wieder eine Auswahl gelungener Reprisen. Mit Spielfreude und enormer Bühnenpräsenz kommt er beim Publikum allerbestens an. Als Dompteur bändigt er eine „wilde Bestie“, die sich nach verlassen ihrer Kiste als Chiahuahua entpuppt. Als Schlangenbeschwörer entlockt er dem großen Korb Überraschendes. Ein Musik-Abspielgerät landet in der Mülltonne, da das „musizieren verboten“ ist.
In einem weiteren Auftritt wird ein Junge aus dem Zuschauerraum zum gemeinsamen Seil springen aufgefordert. Erfreulich straff gespielt, kommt man ohne Umschweife zur Pointe, mit einer Kapuze über dem Kopf hüpft der Mitspieler, ohne das ein Seil geschwungen wird.

„I' m a Barbie Girl“ klingt aus den Boxen, wenn Alexandra Malter ihre temperamentvolle Hula Hoop Darbietung aus einem aufwändig gestalteten Kabinett - sie verkörpert eine zum Leben erwachte „Barbie“, heraus startet. Anschließend kreisen zu rockiger Musik die Reifen in vielerlei Variationen um ihren Körper. Die sympathische junge Frau hat ihre Nummer weiterentwickelt und bestreitet den zweiten Teil des Auftritts nun in luftiger Höhe. An einer Handschlaufe schwebt sie in die Kuppel, derweil Hula-Ringe wechselweise um Beine, Arme oder ihren Körper wirbeln.
Das Duo Varanne begeistert mit einer erstklassigen Kunstschützendarbietung. Philippe Varanne trifft mit den Pfeilen seiner Armbrust zielgenau kleine Luftballons direkt neben dem Gesicht seiner Partnerin. Auch die Schüsse über die Schulter treffen mittels zielen durch einen Handspiegel genau ins Ziel. Mit einem Schuß seiner Armbrust löst Philippe Varanne eine Kettenreaktion von fünf weiteren Armbrüsten aus und der letzte Pfeil trifft das Ziel über seinem Kopf. Natürlich darf auch der „Tell-Schuss“ im Repertoire nicht fehlen und so landet der letzte Pfeil der Show im Apfel, der auf dem Kopf von Madame Varanne ruht.

Zu Beginn des zweiten Programmteils präsentiert Ricky Cannone die Pferdefreiheit des Unternehmens. Unter seiner souveränen Peitschenführung trippeln die drei Ponys über die Bühne und zeigen ihre Lauffiguren. Sie besteigen Tonneaus und überspringen Barrieren. Mit dem Kompliment eines Minipferdchens endet die Dressurfolge.
Das Duo „El Khalid“ erleben wir mit ihrer Fakirshow. Beide Partner löschen zahlreiche Fackeln im Mund aus und entzünden sie aufs Neue mit lange im Mund gehaltenen Flammen. Hohe, kraftvoll ausgestoßene Feuersäulen steigen bis unter die Kuppel empor und zudem nimmt der Fakir auf einem Nagelbett Platz, derweil seine Partnerin auf seiner Brust steht.
Die jugendliche Miss Bianca arbeitet eine ansprechende Antipoden-Darbietung. Routiniert lässt sie kleine Teppiche auf Händen und Füßen tanzen. Die Tricks werden sowohl auf der Trinka, als auch direkt auf der Bühne liegend präsentiert.

Denise Chaves-Cannone bietet eine elegante Kür am Luftring und präsentiert diese nun in völlig neuem Gewand. Während sie es ausgezeichnet versteht, die vielen verschiedenen Tricks und Posen mit Schwung und Kraft zu arbeiten, begleitet ihr Mann mit einem live gesungenen romantischen italienischen Lied die Aktionen in der Kuppel. Auf diese Weise wird die ausgezeichnete Darbietung zu einem Erlebnis, dass alle Sinne berührt.

Giody Ukmar bietet seine Künste auf der Rola-Rola dar. Auf einem hohen Piedestal türmt der temperamentvolle Artist Rollen, Walzen und flache Bänkchen unter seinem Rola-Brett aufeinander in unterschiedlichster Weise aufeinander und balanciert sicher auf dem labilen Untergrund.
„Bienchen, Bienchen - gib mir Honig“ heißt es beim großen Entree der „Los Claudios“, die auch in dieser Spielzeit wieder die Finalnummer bieten. Mit großer Spielfreude gehen die Auguste Leonel Chaves und Xavier sowie Direktor Ricky Cannone zu Werke. Auf der Bühne sind riesige, Honig spendende „Blumen“ platziert und der Direktor nimmt als „Bienenkönigin“ im royalblauen Cape auf dem „Thron“ Platz. Die „Bienchen“ gehen in erstklassigen, originellen Kostümen eifrig zu Werke und die hauseigene, turbulente und alkoholfreie Variante des Manegenklassikers nimmt ihren Lauf.
Selbstverständlich mündet auch diese überaus gelungene Produktion des Wiener Circus in ein harmonisches Finale. Direktor Ricky Cannone übernimmt die Rolle des Sprechstallmeisters und stellt die Mitwirkenden vor. Winkend verlassen die Artisten die Bühne und stellen sich, wie es im Wiener Circus Tradition ist, im Zelteingang zu einem Spalier auf, die Gäste persönlich zu verabschieden.
Wie stets bietet der Wiener Circus ein gutes, geschickt arrangiertes und unterhaltsames Programm in einem stilvollen Ambiente. Die Liebe der Macher zu ihrem Tun ist allgegenwärtig und für die Zuschauer wahrnehmbar. Wie stets kann man einem Jeden, an gutem Circus Interessierten nur wärmstens einen Besuch dieses Circus empfehlen.