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Text und Fotos Friedrich Klawiter
Roncalli Weihnachtscircus
Berlin, 26. Dezember 2008

www.roncalli.de
Seit fünf Jahren veranstaltet Roncalli im Berliner Tempodrom seinen Weihnachtscircus. Das Tempodrom, ein moderner Beton-Mehrzweckbau inmitten der Hauptstadt lässt Anklänge an einen Circus erkennen. Die Optik des Baues zeigt Ähnlichkeiten mit den modernen Circusgebäuden Osteuropas. Die zwölf hoch aufragenden Rippen der Dachkonstruktion bilden eine große Kuppel und geben dem Gebäude die Anmutung eines großen hohen Chapiteaus. Diesen Eindruck unterstützten die steilen Ränge.

Sie bieten rund zweitausendfünfhundert Besuchern auf Einzelsitzen Platz, die wie ein Gradin gestaltet wurden. Auf dem Vorplatz des Gebäudes wird man von der bekannten Roncallifront empfangen. Die beiden dekorativen Wagen, der Zaun mit den Lichterbögen, alles reichlich mit Tannengrün in dem tausende Lichtlein funkeln geschmückt. Im Foyer finden wir einen gleichermaßen heraus geputzten Souvenirstand. Die Roncallimanege mit den Logen findet sich in der Hallenmitte wieder und der große Raum erlaubt die Anordnung einer zweiten Reihe von Logenkästen, die geringfügig erhöht wurden. Der Artisteneingang, dessen Orchesterbühne hydraulisch abgesenkt werden kann, wirkte im Zelt immer groß und klotzig, füllte den hinteren Chapiteauteil vollkommen aus. Hier nun, in dem wesentlich weiteren und vor allem höheren Rahmen, wirkt er eher bescheiden.

Das Programm folgt der gleichen Choreographie wie während der Saison - Patrick Philadelphia und Gensi finden in dem 'Mitarbeiter' David Larible den 'Ersatz-dummen-August'. Nachdem er in einen Clown verwandelt wurde, führt Gensi zwei 'Flusspferde' vor. Dann gleich die erste sensationelle Nummer in der Kuppel -  Alain Allegria auf dem Washington-Trapez. In extremer Höhe und ohne jedwede Sicherung zeigt er beinahe alle die spektakulären Tricks, die sein Onkel Sabu vor Jahren bei Knie in der Schweiz oder in Deutschland zuletzt 2000 bei Louis Knie vorführte. Ein Tuch nimmt er, auf der Stange kniend, sowohl vom ruhenden Trapez als auch in vollem Schwung mit den Zähnen auf. Die meisten Besucher halten gebannt den Atem an, wenn er auf einem Klappstuhl sitzend, diesen auf dem Trapez ausbalanciert. Gegenüber den beiden letzten Saisons ist hier ein Ballett in den Ablauf der Show integriert und leitet den Auftritt des nächsten Ausnahmekönners ein. Der junge Chinese Wei Liang Lin jongliert mit Diabolos. In hohem Tempo und traumwandlerischer Sicherheit wird eine Vielzahl außergewöhnlicher, verblüffender, das Auge verwirrender Figuren gezeigt. Noch nie sahen wir einen Diabolojongleur derart lange, gewandt, sicher und variantenreich mit drei Diabolos agieren.

Nun wird es ein wenig ruhiger, träumerischer im weiten Rund. Gensi mit seiner Geige und David Larible auf der Concertina, beide singen live dazu, begleiten die Strapatendarbietung von David' s Tochter Shirley. Elegant und kraftvoll zeigt die junge Artistin ihr Können, dass in einem vollkommen freihändig ausgeführten Spagat an den Bändern seinen Höhepunkt findet. Vom schweizerischen Nouveau Cirque Rigolo  kommt Mädir Eugster mit seiner ungewöhnlichen und absolut circusuntypischen Balance von Palmblattrippen. Wird sein Auftritt zunächst noch von Saxophonklängen begleitet, legt sich alsbald spannungsgeladene Stille über die Halle, in der nur sein Atem zu hören ist. Aus vierzehn, jede weitere immer größer als die vorherige, dieser Blattrippen gestaltet er ein fragiles Mobile, das auf einer weiteren seine Position hat, bevor der Artist durch Wegnahme des ersten, kleinsten Teils sein Werk nach gut zehnminütiger bedeutungsschwangerer Aktion wieder zerstört. Die sphärische Stimmung kehrt rasch in circustypische Bahnen zurück beim folgenden Entree von David Larible. Mit drei Mitstreitern aus dem Publikum zelebriert er sein Spiel mit den Tellern. Die eigentliche Nummer, der Trick dauert nur Sekunden - die Einleitung, der Verkauf nimmt ein vielfaches an Zeit in Anspruch. Die Rede ist vom Kanonenschuss von Robin Valencia. Glänzend vorbereitet mit Ballett Licht und Musik erfolgt schlussendlich der Flug durch die Halle, der sicher im Fangkissen gelandet wird.

Roncalli -  dazu gehören natürlich auch die clownesken Zwischenspiele, auf die auch in diesem Programm nicht verzichtet wurde. David Larible und Gensi spielen die aus dem Saisonprogramm bekannten Reprisen. Nach der Pause sehen wir drei junge Frauen mit erstklassiger Partnerakrobatik. Ihre Trickfolge und auch die Art der Präsentation ähnelt stark derjenigen des Trio Bellissimo.  Sein Fitnessprogramm zur Traumfigur durch Sport auf dem Rhönrad stellt Konstantin Mouraviev auch dem Berliner Publikum vor. Dann ist es soweit - der Höhepunkt der Show - die Hochseilsensation aus den USA, als einzige Nummer in diesem Programm mit Ankündigung durch Patrick Philadelphia. Die Wallendas auf dem Hochseil. Genau vier Tricks sind es, die gezeigt werden und die mit Abstand meiste Zeit nimmt die Ausführung der Siebener-Pyramide in Anspruch. Mucksmäuschenstill ward es im Gradin, als der Aufbau der Pyramide begann.

Nur das klappern der Stangen und die Kommandos der sieben Artisten sind zu hören, bis der letzte Ausführende dieses, ohne Sicherung und Vorteils gearbeiteten, einmaligen Spitzentricks der Hochseilartistik die gegenüberliegende Plattform erreicht hat. Die Anspannung, die viele Zuschauer empfanden, löst sich schnell - David Larible bittet zur 'Opera'. Zum Abschluss noch einmal eindrucksvolle, raumfüllende Spitzenartistik. Die Truppe Gvozdetskys brilliert mit einer effektvoll choreographierten Show auf dem russischen Barren.

Das Finale folgt der bei Roncalli Zeltgastspielen bewährten und gewohnten Regie. Im anhaltenden Applaus zeigt sich die Zufriedenheit des Publikums, dass ausharrt bis David Larible sich abgeschminkt hat. Man hat bei Roncalli auf den größeren Rahmen reagiert, hat 'größere', senationellere Nummern engagiert und sucht so die Distanz zum Publikum zu überbrücken. Dies ist gut gelungen, ohne anderseits für Roncalli Typisches, das ganz besondere Flair, zu vernachlässigen. Der Spagat zwischen intimer Roncalli-Atmosphäre und 'großer Hallenshow' wurde elegant geschafft, allerdings zeigen sich die Publikumsreaktionen im Finale verhaltener als im Chapiteau.