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Text und Fotos Friedrich Klawiter
RONCALLI
Trier, 26. Juli 2013

www.roncalli.de
Der Circus Roncalli besuchte erstmals nach einem Vierteljahrhundert wieder einmal die Moselmetropole Trier. Für rund zwei Wochen wurde die prächtige Zeltstadt im Messepark der Stadt errichtet. Bereits bei der Anfahrt über eine Moselbrücke bietet der Circus auf dem direkt am Ufer liegenden Gelände einen attraktiven Anblick.
Perfekt aufgebaut steht der Circus strahlend im hellen Sonnenschein auf dem geräumigen Gelände. An den beiden hervorragend restaurierten Frontwagen glänzt das frische Gold. Auch der typische Frontzaun mit seinen nostalgischen Bogenlampen sowie weiteres Material wurde überarbeitet. Der üppigst dekorierte Kassenwagen, die Fahrradständer, antike Lkw' s und der „Raubtierwagen“ mit der Wurstbraterei darinnen vermitteln das bestens bekannte, einzigartige Roncalli-Flair. In exakter Formation sind die zahlreichen Wagen angeordnet. Es handelt sich ausnahmslos um circustypische Tonnendachwagen, von denen etliche mit Oberlichtern versehen sind. Inzwischen fahren bei Roncalli dreiunddreißig Transporte auf der Straße und nur ein Teil des Fuhrparks wird noch per Bahntransport zum nächsten Gastspielort gebracht.
Das Chapiteau, natürlich mit zahlreichen Lichterketten und Fahnen auf den Mastspitzen dekoriert, glänzt genauso im Sonnenschein, wie das geräumige Restaurationszelt mit dem dekorativ bemalten Giebel. Der einzigartige berühmte Café-Wagen mit angeschlossenem Biergarten steht gleichfalls unter einem Zeltdach und komplettiert das Roncalli Ensemble.

Die Einlass-Parade gestaltet sich in gewohnter Weise - Konfettiregen, rote Herzchen werden auf Besucherwangen gemalt und die Band spielt im Vorzelt dazu. Vorbei geht es an den reich dekorierten Wagen und Theken der Circusrestauration, die mit einem umfassenden Angebot aufwartet, sowie dem Souvenirstand, dessen Angebot alle Sparten der Sammelleidenschaft befriedigt. Die Programmverkäuferinnen haben in ihren schmucken Uniformen am Zelteingang Posten bezogen und dann empfängt einen die ganz eigene Atmosphäre des Roncalli-Chapiteau. Mit Hilfe eines raffinierten Lichtdesigns gehen rot lackiertes Holz, roter Samt, vergoldeter Zierrat und das alles überspannende royal blaue Zeltdach eine harmonische Symbiose ein und leise Musik verstärkt den Zauber des Augenblicks.
Wie bei Roncalli nicht anders zu erwarten, begleitet das vorzügliche Orchester das Geschehen in der Manege, zu größten Teilen, live. Die acht Musiker bieten eine Fülle unterschiedlichster Klänge, von romantischem Geigenspiel bis hin zu hart rockenden E-Gitarren. Stets trifft man den richtigen Ton und die gegenüber vorherigen Produktionen etwas schnellere, rockigere Musik verleiht der Show den nötigen Drive. An Markus Wietkamp ist es auch in diesem Jahr, das Programm ins rechte Licht zu rücken. Wie stets beherrscht er die beeindruckende Anlage virtuos und unterstützt die Artisten in idealer Weise, ohne dass die Beleuchtungseffekte zum Selbstzweck mutieren.

Unter dem Motto „Time is Honey“ steht das diesjährige Programm, dass sich in weiten Teilen von der vorjährigen Show unterscheidet. In schneller Abfolge modern in Szene gesetzt, dominiert im Jahr eins nach der Aera David Larible facettenreiche Clownerie den Programmablauf, während auf ein Ballett völlig verzichtet wird. Gensi, Oriol, die KGB Clowns und Devlin Bogino sind omnipräsent. Nachdem Abendregisseur Patrick Philadelphia einer „Putzfrau“ klar gemacht hat, dass nun keine Zeit zum staubsaugen sei, illustrieren die Clowns anschaulich die Anweisungen bezüglich Rauch- und Videoverbot, bzw. die Lage der Notausgänge.
Michael Ortmeier meistert in bekannter Weise seinen Lauf über die Flaschen. Gensi und Devlin Bogino spielen auf einer Glasorgel, dann erleben wir ein temperamentvolles Charivari von fünf ArtistenInnen des Circustheater Bingo. In ihrem unverkennbaren Stil werden Elemente der Luftartistik - Tücher und Strapaten - und auf der Rola-Rola geboten.

Ein erstes Entree involviert alle fünf Clowns in das turbulente Treiben. Oriol ist der Bräutigam, der in einem Mini-Oldtimerauto samt seiner voll verschleierten „Braut“ die Manege umrundet und schließlich wird das Paar von Gensi, vor den beiden weiteren Mitspielern als Zeugen, verheiratet. Nun erst, beim anstehenden Brautkuss lüftet sich der Schleier und Sergey Maslennikov lacht dem eifrigen Bräutigam entgegen.
Auch die weiteren Szenen von Oriol werden von den vier Kollegen begleitet und assistiert.
So wird das Glockenspiel als Vivaldi Konzert angekündigt und die Kinnbalance von vier aufeinander gestapelten Klappstühlen starten die Clowns als „Reise nach Jerusalem“. Solo tritt Gensi weiterhin mit romantisch anmutenden musikalischen Reprisen in Erscheinung.
Die KGB Clowns, der Name steht in keinem Zusammenhang mit dem ehemaligen sowjetischen Sicherheitsorgan, sondern vielmehr für die Kunst von Gestik und Bewegung der sich die beiden verschrieben haben, kommen mit ihrem feinen Spiel beim erwachsenen Publikum sehr gut an. Eine grandiose Niederlage im Kampf gegen die Tücke des Objektes erleidet Edouard Neumann beim Versuch das Eigenleben einer Napoleon Bonaparte Statue - Sergey Maslennikov - zu bändigen.
Beim gemeinsamen folkloristisch-musikalischen Auftritt scheitert der Solopart eines Partners an der Spielfreude des Anderen.
Zu guter Letzt sehen wir die beiden Komiker in einer Playback-Show, in der sie zu den unterschiedlichsten Musikstilen tanzend Gag an Gag reihen.

Prolongiert wurden Fußball-Jongleur Jemile Martinez mit seiner tempogeladenen und gekonnt vorgetragenen Darbietung, sowie Klischnigger Andrej Romanovsky, der mit seiner Beweglichkeit und dem hinunter gleiten in einem engen Stahlrohr die Besucher immer wieder verblüfft.
Nach vielen Jahren sind wieder einmal „Goldmenschen“ im  Roncalli-Programm zu sehen, nachdem dieses Genre in den Anfangsjahren, mit den „Les Olymiades“ von Truppenchef André Faulhaber hochkarätig besetzt, lange zu den Standardelementen dieses Circus gehörte. Aktuell ist es das Trio Laruss, dass mit seiner Adagio-Akrobatik den herausragenden Höhepunkt der Show bietet. Mit weich fließenden Bewegungen werden die hochkarätigen Tricks verbunden und schwierige, kraftraubende Hebungen durchgeführt. Besonders beeindruckend, dass auch eine der beiden weiblichen Artisten als Porteur das Gewicht ihrer Partner trägt.
„Les Paul“ debütieren in dieser Saison mit ihrer Rollschuhartistik. Die Junioren Junioren des Hauses - Adrian, Vivian und Lili - sind damit erstmals gemeinsam in der Manege präsent und zusammen mit ihrem Partner Jemile Martinez haben sie sich eine attraktive Darbietung erarbeitet. Eine große Anzahl der gängigen Tricks des Genres wird in rascher Folge geboten. Mit einem rasanten Wirbeln den die vier Artisten gemeinsam entfachen, findet die Darbietung ihren gelungenen Abschluss.

Die drei Luftnummern der Show sind allesamt im zweiten Programmteil platziert. Gleich zu Beginn tritt Fabricio Nogueira auf seinem Fahrrad kräftig in die Pedale, während das mittig offene hölzerne „Steilwandgestell“ in die Kuppel gezogen wird.
Zwei Artistinnen der Truppe Bingo arbeiten ein Luftballett an parallel angeordneten Trapezen. Nach einigen Handvoltigen werden eine ganze Reihe synchron gearbeiteter Abläufe der im typischen Bingo-Stil gehaltenen Darbietung gezeigt. Nach einem doppelten Nackenwirbel kehren die beiden Protagonistinnen zur Erde zurück.
Die Romanze an den Tuchstrapaten des Duo Viro wurde von der Regie auf das Wesentliche komprimiert und die gestraffte Trickfolge hat an Publikumswirksamkeit gewonnen. Einzig die Kostüme, die im „Plastik-Look“ glänzen, wollen so gar nicht in das Roncalli-Ambiente passen.
Karl Trunk bietet mit seinen Ponys und dem Shire Horse weiterhin die einzige Darbietung mit Tieren bei Roncalli und rechtfertigt damit die Bezeichnung „Circus“ für ein ansonsten reines Varieté-Programm. Routiniert und charmant lässt der erfahrene Dresseur den Achter-Zug Ponies zur Freude des Publikums seine vielfältigen Figuren laufen. Anstelle von Karussell- und Bettpferd ist nun das Groß-und-Klein des mächtigen Shire Horse im Zusammenspiel mit einem Mini-Pony getreten.
Nachdem Geraldine Philadelphia ihr Spiel mit den Hula Hoop Reifen im vergangenen Jahr im Rahmen des Eröffnungs-Charivari gezeigt hat, arbeitet sie nun ihre komplette Nummer im Programm. Außer den hinlänglich bekannten Abläufen des Genres wird mit den Ringen jongliert. Im Handstand verharrend, lässt die junge Artistin Hula Hoops um ihre unteren Extremitäten rotieren.

Auch in der aktuellen Produktion präsentiert Handstandequilibrist Encho Keryazov seine Kunst als Finalnummer. Die perfekt inszenierte Darbietung mit ihren kraftvoll gearbeiteten Tricks, inklusive Klötzchensturz und Einarmer auf der hoch ausfahrbaren Stange, kommt beim Publikum nach wie vor bestens an und begeistert wird der Artist beim Kompliment gefeiert.
Das große Finale, mit der seit Jahren bewährten Choreographie lässt noch einmal den Zauber Roncallis erlebbar werden - die Schar der Mitwirkenden verteilt fröhlich Lufballons an die Besucher, gefolgt vom Walzer mit den Logengästen und nach einem Vorhang kommen noch einmal alle Akteure einzeln nacheinander in den roten Ring und werden mit wohlverdientem Applaus belohnt.
Einige Zugaben folgen und langsam zieht sich die Schar, ins Publikum winkend zurück, derweil das Publikum mit Standing Ovations seine Begeisterung bekundet.
In die Aufbruchstimmung hinein tritt Weißclown Gensi noch einmal vor den Vorhang, geht mit einem Mini-Klaviar in Händen in die Manege und spielt eine verträumte Weise auf dem Instrument. Oriol gesellt sich, auf einer Klarinette spielend, hinzu und nun, ganz am Ende des Abends, beim Epilog ist mit einem Mal die Poesie, die Roncalli dereinst in die Manege brachte, wieder spürbar. Still verharrend lauschen die Besucher dem Spiel bis die Szene durch die anderen Clowns - in Nachthemden mit Wecker, Kissen und Schmusebär in Händen - aufgelöst wird.
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