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Text und Fotos Friedrich Klawiter
CIRCUS RONCALLI
SALTO-VITALE
Gütersloh, 30. August 2014
www.roncalli.de/salto-vitale
Der Circus Roncalli ist heuer erstmals mit einem Zweitgeschäft, der sogenannten roten Einheit auf Deutschland-Tournee. In Zusammenarbeit mit der DEAG-Tochter „Grandezza Entertainment“ führt die Tour bis Ende 2015 in mittelgroße Städte, in denen Roncalli bislang noch nicht zu Gast war. Unter der Bezeichnung „Circus Roncalli Salto-Vitale“ startete die neue Einheit in Gütersloh ihre Reise und wir erlebten - nehmen wir das Fazit vorweg - das beste Roncalli-Programm seit Jahren.
Unverkennbar ist es ein Circus Roncalli, der auf dem Festplatz der Stadt aufgebaut hat. Das Chapiteau ist eines von mehreren identischen, die der Circus vorhält. Dazu das Vorzelt mit dem bemaltem Giebel, der nostalgische Zaun mit den hohen und aufwändig gearbeiteten Leuchten, der dekorative Frontwagen Nr. 15, mit viel vergoldetem Zierrat und gedrechselten Säulen an der Veranda - all dies sorgt für den bestens bekannten Anblick der Roncalli-Front. Die Unterschiede zum Original-Geschäft offenbaren sich auf den zweiten Blick. Zwei weitere, ebenfalls hervorragend gestaltete Wagen ergänzen die Front. Die Bleche der Wagenkästen ziert ein breites dunkelrot lackiertes Band. Mit erhaben aufgesetzten Buchstaben ist der Schriftzug „Salto-Vitale“ angebracht und das große Roncalli Logo ist mit einem über die ganze Wagenbreite reichenden, in Blautönen lackierten, Zierband unterlegt.
Roncallis mittlerweile historisch zu nennender erster Kassenwagen wurde generalüberholt und kommt nun hier zu neuen Ehren. Ein neu angeschaffter großer Oberlichtwagen, gleichfalls mit rotem Band und aufgesetzter Beschriftung, beherbergt das Büro. Selbstverständlich ist auch bei dieser Einheit eine Wurstbraterei vor dem Circus vorhanden, hierfür wurde ein nostalgischer Pavillon entsprechend hergerichtet.
Die Schiebeplanen-Auflieger, in denen das Material transportiert wird, stehen an beiden Platzseiten in exakten Reihen. Einige weitere Roncalli-Anhänger dienen als Garderoben und geben der Schneiderei Platz. Die Ställe der Pferde und Hunde und die Wohnwagen der Artisten sind hinter dem Zelt platziert. Die hintere Platzseite wird von einer langen Reihe Container, in denen die Mitarbeiter, Musiker und auch Artisten wohnen, abgeschlossen. Die zur Straße gewandten Seiten sind komplett mit Planen, die abwechselnd großformatige Bilder aus vergangenen Roncalli-Produktionen  und prominente Zitate  zum Thema Circus zeigen, gestaltet.
Den Blickfang im Vorzelt bildet der neu gebaute große Verkaufswagen der Circusrestauration. Der Traum in rot und gold ist ein genaues Abbild des Wagens der anderen Einheit.
An der gegenüberliegenden Zeltseite reihen sich gleichfalls aufwändige gestaltete Verkaufsstände aneinander.

Im Chapiteau herrscht die vertraute Roncalli Atmosphäre. Der ursprüngliche Artisteneingang mit den steil ansteigenden seitlichen Treppen zum Musikerpodium, die edlen reich verzierten weiß-roten Logen und ein den Raum komplett füllendes rotes Bankgradin strukturieren den Raum; lediglich Balkonlogen sind hier nicht vorhanden.

„Salto Vitale“ - unter diesem Motto stand bereits vor Jahren eine Roncalli Produktion und die aktuelle Show ist denn auch in Teilen ein „best of“ hochkarätiger ehemaliger Roncalli-Darbietungen. Ergänzend dazu wurden hervorragende, bestens ins Konzept passende bekannte Nummern und erfrischende Newcomer engagiert und zu einer temperamentvollen, temporeich ablaufenden, mitreißenden Show vereint. Ein hervorragendes Lichtdesign und das hervorragend aufspielende siebenköpfige Orchester schaffen den idealen Rahmen und so verwundert es nicht, dass sich das Publikum im Finale begeistert und ohne jedes forcieren zu Standing Ovations erhebt und nicht müde wird Zugaben zu fordern.
Wie stets beginnt das Event mit dem entwerten der Eintrittskarte und Eintritt auf das Gelände. Artistinnen erwarten die Besucher auf dem Weg ins Vorzelt, malen ihnen rote Herzchen auf die Wange und verzieren Nasenspitzen mit einem roten Punkt. Konfetti regnet hernieder und kleine Bonbons werden angeboten. Im Vorzelt spielt die Band und Jongleure zeigen ihre Geschicklichkeit mit Keulen und Ringen. Die Programm-Verkäuferinnen stehen in schmucken Uniformen vor dem Entrée des Chapiteau, bieten die Hefte strahlend lächelnd feil. Das Platzierpersonal empfängt die Gäste und Abendregisseur Massimiliano Sblattero wärmt zusammen mit Sergej Maslennikov die Zuschauer vor Programmbeginn an. Auf einen Sprechstallmeister wurde verzichtet und so bleiben die von einem Tonträger eingespielten üblichen Durchsagen und die  Begrüßungsformel die einzigen gesprochenen Worte des Abends.

Mit einem schwungvollen Charivari, dass von den vier Tänzerinnen des Balletts umrahmt wird, nimmt die Nummernfolge ihren Beginn. Alle Artisten geben Kostproben ihres Könnens und Sergej Maslennikov dirigiert abschließend vier Reiterinnen auf Kostümpferden.
Das Trio Csaszar bietet seine leistungsstarke  Akrobatik am Schleuderbrett. Sehr viele Möglichkeiten des Genres werden in erstklassiger Ausführung dargeboten und sämtliche  Saltos - einfach, doppelt, vor- und rückwärts sowie mit und ohne Schraube - sicher gestanden. Ein dreifacher Salto in die Arme der Porteure bildet den Schlusspunkt der beeindruckenden Darbietung, die das Publikum förmlich von den Sitzen reißt.
Auf das ausgezeichnete Pas de Deux des Duo Casselly mussten wir an diesem Abend leider verzichten, da eines der Pferde erkrankt war. Die Cassellys und Wolfgang Lauenburger sind nur in der Premierenstadt in dieser Show zu sehen, da das Saisonengagement der Familie Saabel in Schweden noch einige Tage andauert.
Jean-Rodrique Funke präsentiert in einem charmanten Auftritt einen Foxterrier. Außer den verschiedenen Sprüngen beherrscht der Vierbeiner auch den Spanischen Tritt und zeigt in verschiedenen Abläufen durchaus komödiantisches Talent.
Adelina und Alex Boldojar erzählen eine mitreißende „Love Story“ an den Strapaten. Romantische Momente, die Geigerin des Orchesters begleitet die Nummer aus der Manege werden mit raumgreifenden Flügen beider Artisten kombiniert. Kraftvolle Haltetricks betonen die Athletik der Evolutionen.

Hervorragende Musical-Clownerie und Comedy bietet der ausgebildete Blockflötist Gabor Vosteen. Der Preisträger mehrerer Kleinkunstwettbewerbe besticht mit seiner Musikalität und pointierter Komik. Bis zu fünf Flöten zur gleichen Zeit lässt er mit Mund und Nasenflügel erklingen. Im ersten Auftritt sind es allerseits bekannte klassische Musikstücke die durch sein virtuoses Spiel, groteske Mimik und teils absurde Bewegungsabläufe für Heiterkeit auf den Rängen und tosenden Applaus sorgen. Im zweiten Entree setzt er auf vier Freiwillige, die rasch in die Kunst des Flötenspiels eingewiesen werden.
Darüber hinaus sehen wir Gabor Vosteen einige Male zusammen mit Sergej Maslennikov in hurmoresken Zwischenspielen. Maslennikov, verschiedentlich in der Roncalli-Manege zu erleben, ist der allgegenwärtige „rote Faden“ im Programm. Sowohl solo als auch in Interaktion mit Massimiliano Sblattero, dem Ballett und nicht zuletzt Gabor Vosteen bietet er feine, variantenreiche Komik mit teils verblüffenden Gags.
Höhepunkte des Programms sind die Frère Taquins, die mit ihren vorzüglichen Auftritten die Riege der Komiker komplettieren. Zunächst erleben wir die beiden Komödianten in herrlicher Weise als zwei recht unterschiedliche Herren, die rein zufällig im Kino nebeneinander zu sitzen kommen. Ein prollig wirkender, Chips kauender Kinogänger lümmelt in seinem Sitz, als ein distinguierter Herr mit Fliege über seine Beine stolpert und neben ihm Platz nimmt. Zu den unterschiedlichsten Filmmelodien - z. B. „Spiel mir das Lied vom Tod“, „Der weiße Hai“, „Titanic“, „Love Story“, - erzählen die beiden Herren ihre Geschichte, durchleben die gesamte Skala der Gefühle und männlicher Verhaltensmuster. 
Als Finalnummer der Show bieten die  Frère Taquins ihren Automatenmenschen. Einerlei wie oft man diesen Act auch sah, es ist immer wieder ein Erlebnis der Perfektion dieser Darbietung beiwohnen zu können. Absolut überzeugend hauchen die Akteure den beiden Figuren Leben ein und machen uns Zuschauer vergessen, dass sie einer Regie folgen.

Vor der Pause präsentiert Andrej Ivakhnenko seine einzigartige Schlappseil-Darbietung.  Im roten, noch immer futuristisch anmutenden Kostüm unterscheidet sich der „Igel“ rein optisch stark von allen anderen Artisten und sticht aus dem Roncalli-Ambiente deutlich hervor. Dies wird durch die eigens für die Darbietung komponierte, sehr reduzierte Musik, sie kommt aus der Konserve, zusätzlich betont. Seine spielerisch wirkenden Balancen und Jonglagen auf dem labilen Untergrund werden mit der gewohnten Präzision dargeboten.
Zu Beginn des zweiten Programmteils verblüfft Wolfgang Lauenburger einmal mehr mit der Präzision mit der seine Hunde die oftmals kaum wahrnehmbaren Kommandos ausführen und voller Spielfreude in exaktem Timing ihre Tricks ausführen.
Vom Circus Theater kommen die „Four King“. Sie arbeiten Handstand und Handvoltigen in einer flotten Choreographie. Die starken Tricks werden glücklicherweise nicht durch eine,  oftmals aufgesetzt wirkende, Choreographie in ein Korsett gezwängt und auch die eher traditionellen Kostüm lassen die Nummer natürlich und weitaus spontaner wirken, stellen die Artisten und ihre Leistung in den Mittelpunkt des Auftritts.

Romina Micheletty und ihre außergewöhnliche Hula Hoop Darbietung werden in hervorragender Weise präsentiert und verzaubern das Publikum. Strahlend präsentiert die attraktive Artistin mit großer Ausstrahlung ihre Kunst, die sich deutlich vom Gros des Genres unterscheidet. Tänzerisch leicht, fast schwebend agiert sie harmonisch mit ihrem Requisit und sich stetig steigernden Tempi fließen eine Reihe akrobatischer Elemente mit in die Darbietung ein.
Sensationell und einmalig ist die Trapez-Kür des Duo Sorellas. Jean-Rodrique Funke und Christophe Gobet, die Gewinner eines bronzenen Clowns in Monte-Carlo lassen die Spannung im Zuschauerraum deutlich ansteigen, wenn sie ihre risikoreichen Tricks ohne jeden Vorteil,  nur dem eigenen und dem Können des Partners vertrauend, in der Kuppel arbeiten. In hohem Tempo, getrieben von der Musik, erfolgen die Aktionen in perfekter Ausführung.
Das große, als vollständige Nummer konzipierte, klassische Roncalli-Finalebeschließt auch diese Show. Es beginnt mit dem fröhlich bunten Bild der Luftballons verteilenden Artisten, darauf folgt - von einem Feuerwerk beleuchtet - der Walzer mit Zuschauern in der Manege. Einzelne Vorhänge für jede Darbietung lassen einen jeden den verdienten Applaus entgegennehmen, der Dank ans Orchester und die Lichtoperator und endlich, nach schier nicht enden wollenden Ovationen leert sich der rote Ring. Zum Epilog spielt Gabor Vosteen eine romantische Melodie auf seiner Blockflöte, eine Tänzerin in einem kronleuchterartigen Kostüm und Sergej Maslennikov im Nachthemd gesellen sich hinzu und schließlich endet auch diese Szene und die Lichter verlöschen endgültig. Die Besucher verharren jedoch unbeirrt rhythmisch klatschend auf ihren Plätzen und fordern lautstark ein ums andere Mal eine Zugabe. Die Regie, von solch enthusiastischem Verlangen offensichtlich überrascht, lässt nach Minuten Sergej Maslennikov noch einmal vor den Vorhang treten und mit einem letzten leisen verhaltenen Winken seitens des Clowns wird das Ende der begeisternden Show akzeptiert und die Ränge leeren sich.