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Text und Fotos Friedrich Klawiter
CIRQUE PINDER
Metz, 28. Juni 2014

http://cirquepinder.com/
160 Jahre besteht der Cirque Pinder in diesem Jahr und mit einem entsprechend starken Programm wird das sehr selten zu feiernde Jubiläum begangen. Der französische Traditionscircus, eines der wirklich großen reisenden europäischen Unternehmen, gastierte, wie in jedem Jahr, zum Abschluss der Frühlingstournee in der lothringischen Metropole Metz.
Auf dem weitläufigen Messegelände, weit außerhalb der Stadt empfing die große gelb-rote Zeltstadt in gewohnter Weise die Besucher. Das große Chapiteau mit dem markanten Blockstreifendekor beherrscht den Platz. In der langgestreckten Front ist der große dekorative Kassenauflieger das zentrale Element. Entlang der rechten Platzseite ist die lange Reihe Sattelzüge mit angekuppelten großen Anhängern aufgefahren, die die Mannschaftsquartiere beinhalten. Betriebsküche, Sanitärwagen und das „Atelier Mechanique“ sowie ein Elektrozentrale vervollständigen diesen Bereich. Gleich im Anschluss haben die Wohnwagen der Artisten ihren Platz.
Als eines von wenigen schnell reisenden Unternehmen verfügt der Cirque Pinder über eine separate Tierschaukasse mit Zooeingang. In geräumigen Gehegen erwarten den Besucher u. a. Kamele, Esel, Zebra, Lamas und Norwegerpferde. Großzügig bemessen bietet der Elefantenpaddock seinen zwei Bewohnern eine schöne Unterkunft.
Höhepunkt und in ähnlichen Umfang beinahe nirgends mehr zu erleben präsentiert sich die große Raubtieranlage. Fünf große Auflieger, bzw. Anhänger, die sämtlich mit großen Freigehegen ergänzt sind, werden von zahlreichen Löwen und Tigern bewohnt.
Der Haupteingang wird von einem hohen Gitterrohrbogen, mit einem Zeltdach darunter, überspannt. Auf ein Vorzelt wird in den Sommermonaten verzichtet und die beiden Sattelauflieger der Circusrestauration säumen den großzügigen Eingangsbereich zu den beiden ebenerdigen Eingängen ins Chapiteau. Der Circus Pinder verzichtet auf einen zentralen Eingang zu Gunsten von mehr Sitzplätzen mittig vor der Manege. Das Bankgradin umfasst elf Reihen und wird mit zwei Reihen gepolsterter Klappstühle in den schmucken roten Logen ergänzt. Der große Artisteneingang aus dunkelrotem Samt ist mit den meterhohen Lettern des Namenszuges geschmückt. Die Lichtanlage zeigt sich auf Höhe der Zeit, derweil die musikalische Begleitung der Show bei Pinder stets von CD erfolgt.

Nach der kurzen Begrüßung durch den neuen Sprechstallmeister des Circus, Judicael Vattier, der im weiteren Verlauf in angenehmer Weise die Show moderiert, beginnt die Soiree beim Cirque Pinder traditionell mit der Raubtierdressur, einem der Highlights der Show.

Juniorchef Frederic Edelstein präsentiert seine neue Gruppe mit zwölf weißen Löwen, die zu Weihnachten letzten Jahres ihr Manegendebut hatte. Die jungen, noch nicht ganz ausgewachsenen Tiere haben in den vergangenen sechs Monaten viel Erfahrung hinzugewonnen und arbeiten ihr Repertoire routiniert. Mit einer großen Pyramide aller Löwen nimmt die beeindruckende Präsentation ihren Beginn. Hochsitzer und zahlreiche Scheinangriffe sind weitere Elemente der temperamentvollen Vorführung. Auf einem Teppich aus acht Tieren nimmt der Dompteur lang ausgestreckt Platz. Diese acht verlassen den Käfig in dem sie in hohem Tempo zwischen den Beinen von Frederic Edelstein hindurch laufen. Mit den verbleibenden vier Tieren zeigt Frederic Edelstein einen heutzutage fast nicht mehr gezeigten spektakulären Trick. Er legt sich rücklings in den Manegensand und lässt die vier Löwen quer über seinem Körper abliegen. Mit dem Ritt auf einem Löwen und weiten Sprüngen über den sich niederwerfenden Dompteur findet der furiose Auftritt seinen exzellenten Abschluss.
Valeriy bietet mit seiner harmonischen Nummer am Vertikalseil einen Kontrapunkt zum Nervenkitzel der vorangegangen Raubtierdressur. Tänzerische Elemente in der Piste und ein ungewöhnlicher Aufgang am Requisit bilden den Auftakt zu einer großen Anzahl kraftvoll ausgeführter Haltetricks. Darüber hinaus sehen wir etliche riskante Abfaller, zu denen der Artist lediglich das Seil um seine Beine schlingt.

Mickael Brady präsentiert die beiden indischen Elefanten, Dehli und Saba, des Cirque Pinder. In einem tiergerecht gestalteten Ablauf bieten die beiden großen, gewichtigen  Damen Laufarbeit und einen Hochsitzer in der Manege. Körperlich werden sie in keiner Weise überfordert und das abliegen über dem Vorführer ist ein Highlight in dem souverän vorgetragenen Repertoire.
Am Fliegenden Trapez ist die kubanische Formation „The Flying Black Street“ vor der Pause zu sehen. Ein zweiter Fänger, fest über dem Fliegertrapez platziert, bietet den vier Flieger/Innen zusätzliche Flugmöglichkeiten. Die Sprünge werden sowohl vom Trapez, als auch zwischen den Fängern ausgeführt. Die verschiedenen Saltos werden erstklassig ausgeführt und allesamt sicher gefangen. Eine Fliegerin bietet mit einem hervorragenden Doppelsalto und ihrem Sprung in der Passage Highlights der Darbietung. Einer der Herren glänzt mit einem dreifachen Salto.

Die Clowns „Los Pepes“ sind mehrfach zu erleben. August „Pepino“ überbrückt mit einem großen Ballon im Zusammenspiel mit den Zuschauern den Aufbau des Sicherheitsnetzes für das Fliegende Trapez. Des Weiteren veranstaltet er im ersten Programmteil mit seinen „Pepe Films“ ein großes „Hollywood Casting“. Zusammen mit drei Zuschauern wird eine weitere, flott ablaufende Version der „Filmszene“ geboten. Im zweiten Programmteil erleben wir das Duo mit klassischer Clownerie. Zusammen mit seiner Partnerin bringt Pepe das Entree „Patisserie“, eine Variante der Restaurant-Szene, in der Monsieur Loyal Judicael Vattier den Part eines weißclowns übernimmt. Temporeich und turbulent geht es in der Manege zu, wenn die beiden Auguste mit viel Klamauk ihre Gags zünden und das Publikum geht ausgelassen, wie auch bei den beiden Auftritten, mit. Ohne Längen steuert das straffe Spiel auf die Pointe zu und mit einem temperamentvollen Lied auf der Trompete verabschieden sich die Clowns.


Eine weitere hauseigene Dressur-Darbietung ist der große Exotenzug, nun unter der Leitung von Sandro Montez abläuft. Zunächst bieten sechs Kamele eine umfangreiche Freiheitsdressur. Variantenreiche Lauffiguren und Volten werden von den Trampeltieren absolviert. Im Folgenden liegen drei Kamele an der Piste ab und drei Esel nehmen zwischen den Kamelen ihre Plätze ein. Lamas - die Kamele überspringend - und Norwegerpferde ziehen auf zwei Zirkeln im Gegenlauf ihre Bahn. Abschließend zeigen die drei Pferde eine muntere Laufarbeit und mit einem temperamentvollen dreifach Steiger endet die Dressurdarbietung.
Das Duo „Just two Men“, Artem Lyubanevych und Oleg Shakirov, arbeitet eine äußerst trickstarke Nummer an den Strapaten. Ungeheuer kraftvoll absolvieren die beiden ukrainischen Artisten ihren Auftritt. Typische Abläufe des Genres werden mit zahlreichen  Hand-auf-Hand Tricks abwechslungsreich kombiniert und in Perfektion vorgetragen.

Juani, in der Weihnachtsproduktion Mitwirkender in Sophie Edelsteins Magic-Show, hat sich eine erstklassige Darbietung am chinesischen Mast aufgebaut. Der Artist mit dem Körper eines Modell Athleten bietet eine Fülle anspruchsvoller, Kräfte zehrender Tricks, die allesamt in hervorragender Weise gearbeitet werden. Mit stimmigen, gekonnt vorgetragenen tänzerischen Sequenzen werden diese verbunden und so eine interessante, sehenswerte Nummer geschaffen.

José Belten präsentiert sich als schwungvoller und sicherer Jongleur mit einer interessant gestalteten Darbietung. Sämtliche Requisiten sind von innen farbig illuminiert und im abgedunkelten Zelt sind nur die Requisiten und ihre Leuchtspuren sichtbar, derweil der Jongleur nur zu den Komplimenten kurz vom hellen Licht der Verfolger erfasst wird. Ringe, Bälle und Keulen - diese wechseln im Takt passend zu den Routinen ihre interessanten Lichtmuster - werden so in vielfältigen Mustern souverän jongliert. Mit fünf hell lodernden Fackeln gestaltet José Belten effektvoll das Finale seiner Nummer.
Den Reigen der Darbietungen beschließen Les Navas auf dem Todesrad. Nach dem schweren Unfall von Ray Navas vor einigen Wochen, der Artist zu sich einen Beckenbruch zu, arbeitet Rony Navas nun mit einem neuen Partner. Sprünge in den Kesseln und Seil springen auf der Außenbahn sind die gezeigten Elemente und mit einem theatralisch verkauften Blindlauf findet die Darbietung derzeit ihren Höhepunkt.
Das Finale fällt im Cirque Pinder traditionell kurz aus. Zu den Klängen von „Waka Waka“ kommen die mitwirkenden Artisten, alle in weißen Kostümen,  in die Manege und werden vom Sprecher noch einmal vorgestellt. Nach einer kurzen Choreographie leert sich der rote Ring unter dem lebhaften Applaus des zufriedenen Publikums rasch.
Auch im einhundertsechzigsten Jahres seines Bestehens bleibt der  Cirque Pinder seinem seit vielen Jahren bewährten Konzept treu und präsentiert ein reines Nummernprogramm. Man setzt unbeirrt auf den klassischen Dreiklang - Tiere, Clowns und Akrobaten - und wie stets sind Raubtiere, Elefanten, Flugtrapez und traditionelle Clownerie unverzichtbare Eckpunkte in einem starken Programm.