optimiert



Text und Fotos Friedrich Klawiter
CIRQUE MEDRANO
Nancy, 08. 09. 2017

www.cirque-medrano.fr
Der Cirque Medrano war die zweite Einheit der S.A.R.L. Arena Production von Raoul Gibault, die in diesem Jahr in Nancy gastierte. Die aktuelle Tournee steht unter dem Motto „Le Festival International du Cirque“ und bietet in ansprechendem Rahmen besten traditionellen Circus.
Das umfangreiche Material des großen Circus  ist auf dem weitläufigen Gelände in exakter Formation angeordnet. Die prächtig, mit weißem Löwen und Tiger, Weißclown und Elefantenköpfen, dekorierte große Front des Kassenaufliegers lädt zum Besuch des Circus ein. Ein verchromter Zaun begrenzt die Frontseite des Platzes. Das große Vier-Masten-Chapiteau zeigt sich im für Medrano typischen gelb-pinken Dekor und das Vorzelt ist optisch passend dazu gestaltet. Dutzende Flaggen aller Nationen und unzählige Lichterketten schmücken die Kasse, den Zaun und die Zelte.
Der Fuhrpark ist komplett in kräftigem pink lackiert und die Fahrerkabinen der Zugmaschinen weisen gelbe Kontrastflächen auf. Jeder der zahlreichen Transporte besteht aus Zugmaschine mit Sattelauflieger und einem zusätzlichen großvolumigen Anhänger. Der Cirque Medrano reist schnell - ohne Ausfalltage, sehr viele Eintagesgastspiel, stets zwei oder drei Shows am Tag - und so nutzt man hier, bei einem mehrtägigen Gastspiel allenthalben die Zeit zu Wartungsarbeiten an den Fahrzeugen.
Den Tieren des Circus stehen außer einem Stall geräumige Paddocks zur Verfügung und der Raubtierwagen der Tiger ist mit einem großen, strukturierten Ausßengehege verbunden.
Roter Samt dominiert das Innere des Vorzeltes; Masten und Seitenwände sind mit dem edlen Stoff bespannt und die „Bar du Cirque“ nimmt den zentralen Platz ein. Einige Sitzgruppen komplettieren die Einrichtung.
Auch im Chapiteau kommt viel roter Samt zum Einsatz und sorgt für eine behagliche Atmosphäre. Die Logen, Masten und Geländer sind mit dem Material umkleidet und auch der Artisteneingang besteht aus diesem Stoff. Drei Reihen gepolsterter Logenstühle und ein zehnreihiges Klappsitz-Gradin stehen bereit, die zahlreichen Zuschauer aufzunehmen.
Quertraversen, je eine zwischen dem vorderen und hinteren Mastenpaar, tragen die Lichanlage, mit deren geschickten Einsatz die Show hervorragend in Szene gesetzt wird.

Nach einem kurzen Opening, das Clown Eduardo Romero auf der Mundharmonika gestaltet, beginnt die Show, wie in französischen Circussen zumeist praktiziert, mit einer Raubtierdressur.
John Selepé präsentiert eine Gruppe von vier weißen Tigern. Souverän lässt der Vorführer die umfangreiche Trickfolge ausführen. Gekonnt werden verschiedene Sprungvarianten, Hochsitzer, Pyradmide, Scheinangriff, Rollover und andere Elemente ausgeführt. Mit dem effektvollen Hochsitzer auf einer rotierenden Spiegelkugel findet die Darbietung ihren gelungenen Abschluss.
Nachdem der Zentralkäfig in Windeseile entfernt wurde, haben Sängerin, Sänger und das hauseigene Ballett ihren ersten großen Auftritt. Temperamentvoll unterhalten sie ihr Publikum und lassen die Stimmung im Auditorium steigen. Der ausgezeichnete Live-Gesang der beiden Sangeskünstler unterstützt im Zusammenspiel mit der geschickten Musikauswahl etliche Artisten bei ihren Auftritten.
Fahrradartistik ist das Metier von Lenard Matos. Zwei hohe Podeste, zu denen eine Treppe emporführt, sind mittels eines Trampolins verbunden und dieses Konstrukt bildet die Basis der interessanten Trickfolge auf dem Einrad.Rasant geht es die Treppe hinauf und hinab und zahlreiche Sprünge werden vom Trampolin aus auf eine der beiden Plattformen gekonnt vorgetragen. Schließlich verbindet der Künstler die Podeste mit einem schmalen und mit Fackeln bestückten Steg. Die Flamme mit der die Fackeln entzündet wurden verlöscht Lenard Matos im Mund, ehe die Fahrt durch die Flammen startet.
Eine ausdrucksstark performte Darbietung an den Strapatentücher beinhaltet eine Reihe starker Tricks. Zahlreiche spektakuläre Abfaller werden von der Artistin bravourös gemeistert.

Mit drei Dressur-Darbietungen ist die Familie Huesca zu erleben. Zunächst erobert eine muntere Hundemeute die Manege. Fröhlich tollen die acht Vierbeiner unterschiedlicher Rassen umher, stets eifrig bemüht den Anweisungen ihres Vorführers nach zu kommen.
Vor der Pause präsentiert Wesley Huesca einen neu formierten Exotenzug mit Tieren aus vier Kontinenten, wie die Ansage aus dem Off verlauten lässt. Zunächst laufen fünf junge, noch nicht ausgewachsene Dromedare ihre vielfältigen Figuren während die Sänger den BoneyM-Hit „Rivers of Babylon“ intonieren. Noch ist der Ablauf ein wenig langsam, jedoch absolut sicher und fehlerfrei. Bald ergänzen ein Kamel und ein Zebu sowie zwei Lamas die Formation. Drei mit Stoffaffen berittene Ponys bieten zur großen Freude der kleinen Besucher das Da Capo.
Im zweiten Teil sehen wir Wesley Huesca mit einer Haustier-Revue. Nach einander sind zwei Wollschweine, vier Ziegen und zwei mächtige Kühe im roten Ring zu erleben. Schließlich umrundet eine Schar lauthals schnatternder Gänse die auf Podesten stehenden Rinder.
Den Reigen der Tier-Darbietungen komplettiert Juan Guttierez mit seinen Papageien. Sechs prächtige Aras und ein weißer Kakadu erobern die Herzen der Besucher im Sturm. Sie hissen eine Flagge, laufen Rollschuh und schieben einen Mini-Einkaufswagen. Ein großes elektrisch betriebenes Kinderauto ist gleichfalls in den Ablauf involviert. Einen besonderen Eindruck erzielen stets die lautlosen weiten Flüge der großen Vögel über dem Gradin.

Clown Eduardo Romero spielt zunächst mit Popcorn. Endlich sehen wir einmal eine Variante der oftmals gespielten Reprise, da er die Tüte „versehentlich durch Ungeschicklichkeit“ über einem Zuschauer leert. Bei seiner Hutjonglage nimmt er als Partner einen Jungen aus den Logen hinzu und mit Hilfe des Clowns gelingen sämtliche Tricks. Die bestens bekannte Reprise um ein Fluginsekt, das den Clown beim musizieren stört komplettiert die Auftritte.
Zu heißen Rock n' Roll Songs, Tänzerinnen und Live Gesang geben dem Auftritt einen hervorragenden Rahmen, präsentiert Pedro Pontigo seine fulminanten Tempo-Jonglagen mit bis zu fünf Keulen und acht Ringen. Die vielseitigen Routinen münden in die temperamentvoll vorgetragene Arbeit mit Sombreros.
Eine interessante Quick Change Darbietung präsentiert Darina. In einer sehr flott ablaufenden Choreographie wechselt die Artistin in hoher Geschwindigkeit in einem kleinen Kabinett die erstklassig gestylten Kostüme und erzählt dabei eine kleine Geschichte. Aus einem traditionellen Dienstmädchen wird ein Vamp, ein Dame der Gesellschaft, ein Rockabilly-Girl und schließlich ein sexy Dienstmädchen.
Lucas Galleoti arbeitet an den Strapaten die zweite Luftnummer der Show. Kraftraubende Tricks werden in weiten Flügen präsentiert und kennzeichnen die poetisch und ruhig gestalteten Auftritt.

Den artistischen Höhepunkt der Show bietet das Duo Vitaly mit seiner formibablen Hand-auf-Hand Darbietung, das beim diesjährigen Festival von Massy mit der „Piste de Bronze“ ausgezeichnet wurde. Die enorme Anzahl anspruchsvollster Abläufe des Genres erfolgt in Perfektion und scheinbarer Leichtigkeit. Besonders publikumswirksam trägt der Untermann seinen Partner freihändig im Kopfstand über vier hohe Treppenstufen vom Piedestal hinab in die Manege.

Das lang erwartete Highlight der Vorstellung, in erster Linie für die zahlreichen jungen Besucher, ist das Erscheinen des Transformers. Mit sonorem Sound rollt im Schwarzlicht ein gelb lackierter „Sportwagen“ in die Manege. Nach ein paar knappen Fahrmanövern hebt sich das Vorderteil des Gefährts empor und das Automobil verwandelt sich in eine mehrere Meter hohe Robotergestalt. Blitzende rote und blaue LED-Ketten markieren die Konturen, während sich die zu Armen mutierten Türen heben und senken. Die Auto-Scheinwerfer blenden ins Publikum und im Roboterkopf, der aus dem Motorraum ausfuhr, leuchten blaue Lampen. Fasziniert verfolgen nicht nur die kleinen Zuschauer die Metamorphose und die Bewegungen des auch aufgerichtet noch fahrfähigen Vehikels.
Mit einem fröhlich gestalteten, von Tanz und Live-Gesang geprägten Finale klingt die Show aus und man verspricht ein Wiederkommen des Circus mit völlig neuer Show in zwölf Monaten. Das gute, äußerst unterhaltsame Programm mit vielen Tierdarbietungen - was leider heutzutage immer seltener der Fall ist - sowie erstklassigen artistischen Acts kommt beim Publikum bestens an, wie der lebhafte und lang anhaltende Applaus eindrucksvoll belegt.