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Text und Fotos: Friedrich Klawiter
European Circus Festival
Lüttich, 16. Dezember 2009

www.europeancircus.com/accueil.html
Zur neunzehnten Ausgabe seines als Festival deklarierten Weihnachtscircus hatte Stefan Agnesen seinen Circus wiederum im Park d' Avroy mitten in Lüttich errichtet. Das komplette Material ist in blau und gelb gehalten. Der Viermaster mit der runden Kuppel bietet auf einem einfachen Holzbankgradin und komfortablen Posterstühlen in den Logen rund zwölfhundert Zuschauern Platz.
Auch im Vorzelt herrscht eine behagliche Atmosphäre. Kasse, Barwagen sowie die weiteren Circusfahrzeuge, Ställe und Artistenwohnwagen drängen sich eng um das Chapiteau.

Seit einigen Jahren gehört das Gino Serri Ballett zum festen Bestandteil dieser Veranstaltung. Die sieben Tänzerinnen verleihen dem Programm einen glamourösen Touch. In immer wieder wechselnden Kostümen und geschickt auf die folgende Nummer abgestimmter Choreographie sind sie der rote Faden des Programms. So geleiten sie Direktor Stefan Agnesen, hoch zu Ross, zur Begrüßung in die Manege. Er stellt Christoph Ivanes, einen Star unter den französischen 'Monsieur Loyal' vor. Wortgewaltig wie stets und neunmaligem wechseln des Fracks führt dieser durch das anspruchsvolle Programm.

Vom Circus Diana Moreno-Borman aus Paris wurde die Familie Eric Borman mit einigen Darbietungen verpflichtet. Zuerst führt Alexandra Borman-Pauwels sechs prächtige Apfelschimmel vor. Eine umfassende Folge an Lauffiguren wird sicher absolviert und einige Da Capo Steiger krönen die Vorführung. Ihr etwa zehnjähriger Sohn Richard präsentiert unter Assistenz seiner kleinen Schwester Silvana kurz eine Schar Laufenten.
Im zweiten Teil sehen wir Alexandra Borman ein weiteres Mal in einem aufwändig gestalteten Jonglageakt. Auf einer als Erdball gestalteten großen Kugel jongliert sie in einem phantasievollen Kostüm mit Ringen. Nach dem Wechsel auf den Boden folgen Routinen mit bis zu fünf Keulen. Dann folgt die effektvolle Arbeit mit Fackeln, ehe sie abschließend neun Ringe jongliert.
Eine erstklassige Tigerdressur sieht Eric Borman im Mittelpunkt. Die Trickfolge - mehrere Pyramiden, Hochsitzer, verschiedene Sprünge, Teppich, Fächer - ist umfassend. Ein Sprung durch den Feuerreifen gehört nach wie vor zum Repertoire und einige imposante Hinterbeinläufer und Steiger werden ebenfalls geboten. Der obligatorische Hochsitzer auf der drehenden Spiegelkugel stellt hier allerdings nicht den Höhepunkt und Abschluss der Nummer dar. Zwischen zwei Sprungposdamenten steht Eric Borman im einarmigen Handstand und seine Frau Alexandra lässt einen Tiger zwischen seinen gespreizten Beinen hindurch springen.

Vater und Sohn Sankar waren mit ihrer Klischnigg-Darbietung vor einigen Jahren u. a.  bei Barum und Flicflac zu sehen. Nach vier Jahren bei Ringling in den USA sind sie mit ihrer einmaligen Leistung nun wieder einmal in einer europäischen Manege zu erleben. Ihre enorme Beweglichkeit fasziniert in Verbindung mit den variantenreichen Handständen stets erneut.
Als Clown moderner Prägung agiert Mister Shap in erster Linie mit Zuschauerbeteiligung. Die Reprisen und Entrees sind oft gesehene Klassiker, denen er versteht ein eigenständiges Flair zu verleihen. Sein „Boxkampf“ - insgesamt bittet er sechs Mitspieler hierzu in die Manege - leidet in der besuchten Vorstellung leider ein wenig unter dem sehr verhaltenen Spiel des Zuschauers. Ein weiteres Entree bringt eine weitere Variante der Filmszene zu Gesicht.
China und Lenny - so lauten die Namen der beiden Seelöwen der Clarrisons. Die Trickfolge der beiden Meeressäuger liegt durchaus im üblichen Rahmen, nur leider kann die Präsentation da nicht ganz Schritt halten.
Die Reihe der Dressurnummern komplettiert Yeuk Bauer mit seinem afrikanischen Elefanten Baby. Das relativ kleine Tier zeigt Laufarbeit und spielt fulminant Fußball. Nur noch sehr selten sieht man heute einen Elefanten über einen schmalen Steg balancieren und auf diesem wenden.
In der Kuppel sorgt das Duo Jaroch für den nötigen Nervenkitzel an der Hängeperche. Normalerweise arbeiten sie im Trio, aber derzeit muss die Ehefrau verletzungsbedingt pausieren. Ihrer kraftvollen und spektakulären Trickfolge tut dies indes keinen Abbruch. Im weiteren Programmverlauf arbeitet die Tochter in einer weiteren Luftdarbietung an Tüchern.

Der argentinische Jongleur Victor Ponce zeigt in dieser Show nur einen Ausschnitt seines Könnens. Als extrem dicker Koch verkleidet, mit Perücke und künstlichem Schnauzer, demonstriert er seine besondere Art des Tellerdrehens 'auf komisch'. Wir sahen bisher sonst niemanden, der die Teller direkt auf dem Tisch rotieren lässt und sie nur mit den Fingern antreibt. Seine Routinen mit fünf Strohhüten beschließen den Auftritt.
Seine Partnerin Silvia Silvia demonstriert vor dem Finale ihre Sonderklasse als Armbrustschützin. In ganz großer Aufmachung präsentiert sie ihr Können. Ein sicheres Auge und eine ruhige Hand, in Kombination mit ausgefallenen Anordnungen geben dem Auftritt den besonderen Touch.

Zum Finale hat das Ballett traditionell seinen ganz großen Auftritt. Ein Hauch von Moulin Rouge weht durch das Chapiteau, die Girls wedeln mit den Federboas und das Finale nimmt seinen üblichen Lauf mit Vorstellung der Mitwirkenden und Verabschiedung durch Christoph Ivanes und Stefan Agnesen. Das Ballett verbleibt tanzend in der Manege, während Artisten und Direktion im Vorzelt Aufstellung nehmen und die langsam hinaustretenden Besucher mit Händedruck und ein paar Worten verabschieden.