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Text und Fotos Friedrich Klawiter
   LA GRANDE FÊTE LILLOISE DU CIRQUE
Lille, 16. November 2013

www.lagrandefetelilloiseducirque.com
Die Grande Fête Lilloise ist eine der größten und bedeutendsten Circusveranstaltungen Westeuropas und erlebte in diesem Jahr ihre siebenundzwanzigste Ausgabe. Alljährlich stellt Impressario Thierry Fééry ein hochkarätiges Programm zusammen, achtet dabei stets auf Abwechslung bei den Genres und bietet immer wieder neue Highlights.
Auf dem „Champ du Mars“, einem riesigen Platz am Rande der Altstadt von Lille, waren die eleganten weißen Zeltanlagen an gewohnter Stelle aufgebaut. Das große Chapiteau wird von hohen Gittermastbögen überspannt, an denen die Kuppel aufgehängt ist und jegliche Masten und Stangen im Innern überflüssig machen. Ein optisch passendes Vorzelt komplettiert das Arrangement. Neu erworben wurde ein dekorativer Frontzaun, der zwischen Gitterrohrsäulen weiße Stakett-Elemente aufweist. Rings ums Zelt sind die zahlreichen Wohnwagen, Mannschaftsunterkünfte sowie Ställe und Freigehege der Tiere angeordnet.
Ein siebzehnreihiges Schalensitzgradin füllt das komplette Zelt. Die vorderen drei Reihen, ebenfalls ansteigend gebaut, bilden die Logen. Der blaue schlichte Artisteneingang wird eng vom Gradin eingerahmt und bietet auf seiner Empore den neun Musikern des ausgezeichnet aufspielenden Orchesters Platz. Hoch über der Manege hängt eine Gitterrohrträgerkonstruktion, die die voluminöse Lichtanlage trägt.

Mit einer Parade der Artisten beginnt das Programm. Die Mitwirkenden stellen sich im Gang hinter den Logen auf und Impresario Thierry Fééry begrüßt das Publikum. Wie in jedem Jahr ist er ein ausgezeichneter „Monsieur Loyal“ der von ihm initiierten Show.
„Art of Trampoline“ nennen sich die sechs Artisten, die mit ihrer temperamentvollen Darbietung an der derzeit sehr populären „Trampolinwand“ die Nummernfolge starten. Eine umfangreiche Serie der verschiedensten Sprünge wird auf den Trampolins zu beiden Seiten der aus Metallrahmen und Plexiglasscheiben bestehenden „Wand“ ausgeführt. Tempo, Schwung und Ausstrahlung der Artisten lassen den Funken überspringen und ldas Publikum geht begeistert mit.
Genauso temporeich präsentiert anschließend Rosi Hochegger ihre Hundedressur. Die Manege ist mit einer romantischen Häuserkulisse abgeschlossen, durch deren verschiedene Fenster- und Türöffnungen die Hunde zu ihren Tricks in die Manege kommen. Voller Spielfreude tollen sie mit ihrer Tierlehrerin, diese ist während des gesamten Auftritts flott unterwegs und erbringt eine gute sportliche Leistung, umher. Perfekt und ohne großes Zutun der Vorführerin führen die sechs Hunde ihre mannigfaltigen Tricks aus.

Clown David Larible ist der einzige Artist dieser Veranstaltung, der mehrfach in der Manege zu erleben ist. Zunächst trägt er mit einem Jungen aus dem Publikum einen Wettbewerb im Wasser speien aus. Des Weiteren sind seine beiden bekannten Entrees „Orchester“ und im zweiten Programmteil die „Opera“ zu sehen. Die Entrees kamen nicht in gewohnter Weise beim Publikum an, da David Larible etwas indisponiert wirkte und die Auftritte schnell abspulte.
Henok & Themesgen arbeiten eine tempogeladene Ikarier-Darbietung. Auf einer extrem niedrigen und kleinen Trinka zeigen die beiden Akteure alle relevanten Tricks des Genres. Die abwechslungs- und umfangreiche Abfolge der Saltos und Pirouetten wird sehr sicher und gekonnter Ausführung dargeboten.
Das Duo Urunov ist hierzulande bestens bekannt. Bei der Grande Fête Lilloise präsentieren sie ihre Kostüm-Illusionen. In stimmigem Ablauf, getragen von sehr gut gewählter Musik, werden erstklassig designete Kleider in rasantem Tempo gewechselt. Natürlich wechselt auch der männliche Part des Duo zweimal den Anzug und wie allgemein Usus, endet diese Modenschau in großer Abendgarderobe.
Unter dem schlichten Namen „Troupe Acrobatic de Chine“ erleben wir eine Formation von dreizehn chinesischen Artistinnen, die mit ihrer hochklassigen Diabolojonglage beim Circus Festival in Monte-Carlo mit einem Goldenen Clown ausgezeichnet wurden. In den verschiedensten Formationen wirbeln sie mit ihren Diabolos umher, lassen sie hoch in die Kuppel fliegen, führen Saltos aus und fangen die Flugobjekte mit unglaublicher Sicherheit wieder auf.

Zwei großartige Dressurdarbietungen bieten Yvette und Mario Bellucci direkt vor und nach der Pause. Zehn weiße Araber vereint die elegante Dresseurin zu einer formidablen Freiheitsdressur. Souverän lässt die ganz in weiß gekleidete Vorführerin die Pferde ihr Repertoire vortragen, die die erlernten Figuren ohne jede Unsicherheit oder Fehler laufen. Umfangreich sind die dargebotenen Da Capos. Eine eindrucksvoll ausgeführte Kapriole, Einzel- und Gruppensteiger, vorwärts und rückwärts laufende Steigerpferde, Steiger rings um die Piste und einige Varianten mehr begeistern auf ganzer Linie. Mario Bellucci bringt in einer orientalischen Phantasie vier gepflegte Steppenkamele gemeinsam mit drei Zebras und einem Zebroid in den roten Ring. In der perfekt laufenden, abwechslungsreichen Darbietung agieren die acht Tiere in immer wieder unterschiedlichen Formationen. Schließlich setzen zwei Lamas als versierte Springer über die abliegenden Kamele hinweg, anschließend passieren vier Ponys unter den nun stehenden Kamelen. Nun hat die majestätisch wirkende große Giraffe ihren großen Auftritt. Ruhig und gelassen umrundet sie das Rund und nimmt aus den Händen von Logenbesuchern zuvor ausgeteilte Leckerlis ab. Mit eindrucksvollen Bewegungen setzt sie sich in Galopp und verschwindet aus der Manege. In diese kommt alsbald ein mächtiges Rhinozeros. Kraftvoll dreht es seine Runden, verharrt an der Piste und beäugt die Logenbesucher. Mario Bellucci lässt den Koloss frontal auf sich zulaufen und lässt ihn nur wenige Schritte entfernt vor sich verharren.
Shirley Larible präsentiert die einzige Luftnummer des diesjährigen Programms. Untermalt vom Live-Gesang ihres Vaters schwebt sie an Strapaten durch den Raum, dabei viele kraftvolle einarmige Aufschwünge ausführend. Abschließend gleitet sie freihändig, nur mit den Füßen in den Strapatenschlaufen stehend, in einen Spagat.
Magier Jidinis bringt seine Großillusionen in einer schwungvollen Choreographie zu Gesicht. Verschiedene Hunde werden transformiert, bzw. verschwinden und erscheinen genauso aus dem Nichts, wie die Assistentinnen. Natürlich darf auch eine „zersägte Jungfrau“ nicht fehlen.
Jongleur Picasso Junior begeistert mit seiner erstklassigen Darbietung und durch seine Ausstrahlung jedes Publikum. Zunächst lässt er bis zu fünf Tischtennisbälle auf einem Schläger tanzen, dann hält er die Bällchen nur mit dem Mund in der Luft. Fliegende Untertassen bestimmen den zweiten Teil des Auftritts. Weit fliegen die Teller über den Zuschauerraum und finden stets wieder sicher zum Jongleur zurück.
Jiri und Renata Berousek sind in dieser Show mit ihren drei, sehr gepflegten Longenbären zu erleben. Die Tiere kommen Roller fahrend in die Manege und beherrschen eine Reihe akrobatischer Tricks. Sie lassen die Hula Hoops kreisen und steigen auf die Rola Rola, balancieren über zwei Balken. Kugellauf auf den Balken und Leiterbalancen, Seil springen und Antipodenspiele sind weitere Elemente der Darbietung. Auf einem Leichtkraftrad zeigt sich ein Bär als geschickter Motorradfahrer, nimmt zuerst einen Kollegen und hernach den Tierlehrer auf dem Sozius mit auf die Reise um die Manege.
Die zehn ArtistInnen der Truppe Fantasy setzen mit ihrer variantenreichen Schleuderbrett-Darbietung den Schlusspunkt der Nummernfolge. Eine enorme Anzahl verschiedener Sprünge wird auf einem großen Kissen und den Schultern der Fänger sicher gestanden. Sprung in den Spagat zum Drei-Mann-Hoch, Vier-Mann-Hoch ohne Vorteil und auf einen Russischen Barren erfolgen in eleganter und sicherer Ausführung. Ein longengesicherter Salto zum stangengestützten Fünf-Mann-Hoch bildet den effektvollen Abschluss der Nummer.
Das Schlusskompliment der Truppe Fantasy ist zugleich der Auftakt des Finales, das die enorme Anzahl Mitwirkender offenbart. Fünfundvierzig Artisten, neun Musiker und Impressario Thierry Fééry stellen sich in der Manege auf und nehmen den tosenden Applaus und die Standing Ovations des restlos begeisterten Publikums entgegen. Drei Stunden lang unterhielten vier - verschiedene - große Truppen, vier Tierdarbietungen, Duos und Einzelartisten ihr Publikum bestens mit einem klassischen Nummernprogramm, das durch Können, Leistungsstärke und Charisma seiner Akteure überzeugt; auf ausufernde Inszenierung und sonstiges Beiwerk getrost verzichten kann, da die Fülle der Darbietungen, deren geschickte Reihung mit einem sich permanent steigernden Spannungsbogen und die Leistungsstärke für sich alleine sprechen.