optimiert



Text und Fotos Friedrich Klawiter
GRANDE FETE LILLOISE du CIRQUE
Lille, 31. Oktober 2009

www.lagrandefetelilloiseducirque.com
Zum dreiundzwanzigsten Mal findet diese Circusveranstaltung  in  Nachfolge des  1956 installierten “Cirque de la Voix du Nord” statt. Als die Zeitung “Stimme des Nordens” ihr Engagement 1986 beendete kreierte Jean Pierre Panier seine eigene Show “Fete Lilloise du Cirque”. Diese leitete er bis 1996 und somit erlebte er vierzig Jahre als Circusdirektor. Seither ist Thierry Feery der Veranstalter und der Spielort wechselte aus der Halle bzw. dem Theater ins Chapiteau. Auf dem weitläufigen Champ du Mars, am Rande der Altstadt nur wenige Gehminuten vom Zentrum entfernt, wird seit vier Jahren eines der großen Zelte von Benny Berdino' s 'Circus Arena' aufgebaut.
Vollkommen schmucklos präsentiert sich der Circus. Ein gewaltiger Viermaster mit hoher Kuppel erhebt sich hinter dem langgestreckten Vorzelt. Einfache Absperrgitter begrenzen die Vorderseite, auf Lichterketten oder eine sonstige Dekoration des Außenbereiches wird verzichtet. Einige Materialwagen von Arena sowie die Artistenfahrzeuge gruppieren sich auf den drei weiteren Seiten des Geländes. Das Vorzelt zeigt sich im Innern puristisch. Ein großer schlichter Verkaufswagen auf der einen sowie der Toilettenwagen auf der anderen Schmalseite, Holzboden und je vier Stühle an den beiden Masten - fertig ist die Einrichtung. Im Chapiteau der gewohnte 'Arena-Look' - dekorative Logen mit drei Reihen Polsterstühlen und dahinter ein Schalensitzgradin in gelb blau und rot entsprechend den Preiskategorien.

Die jährlichen Programme werden hinsichtlich der vertretenen Genres stark variiert. Im letzten Jahr gab es z. B. keine Luftnummern, in diesem Jahr keine Dressurgruppen klassischer Großtiere. So wurde die Manege folgerichtig mit einem festen Boden ausgestattet, der Hufschlag für die Pferde der Reitertruppe mit Hartgummikeilen überhöht. Der schmale Artisteneingang bildet das Podium für das ausgezeichnete neunköpfige Orchester von Kristof Majewski. Die opulente Lichtanlage ist vom allerfeinsten, wird virtuos hervorragend eingesetzt.

Wie stets sind die Ränge bestens gefüllt, als Thierry Feery die Vorstellung startet. Wie immer übernimmt er souverän, eloquent und elegant die Rolle des 'Monsieur Loyal' in einem Weltklasseprogramm, dass ausnahmslos aus Spitzendarbietungen besteht.
Die sechs Mitglieder der Truppe Zuma Zuma sorgen mit ihrer fulminanten abwechslungsreichen Akrobatik für den furiosen Auftakt. Pyramiden bauen, Limboshow und Reifen springen sind üblicherweise die Elemente, mit denen schwarz afrikanische Springertruppen ihre Auftritte gestalten. In diesem Fall kommt noch Seil springen hinzu. Ihre Trickfolge ist enorm, wird perfekt präsentiert und enthält Tricks, die andernorts nicht geboten werden.
Neun weiße Katzen interagieren mit Vlad Olandar. Ganz in der Tradition des russischen Staatscircus werden in perfekter Choreographie die Tricks abgespult. Gleich im Anschluss die Illusions-Show von Eva Julia Christie. Neben einigen Hunden verschiedener Rassen und Größen sind auch zwei Tiger, weiß und normalfarben, in den Ablauf eingebunden. Zusammen mit fünf Assistenten/Innen präsentiert sie ihre zahlreichen Großillusionen in teils veränderter Form und neuen Requisiten.

Gleich zwei namhafte Reprisenclowns bringen das Publikum zu lachen. Zum einen spielt Francesco mit einem als Globus dekorierten Ball, lässt ihn über seinem überdimensionalen - mit einem Gebläse ausgestatteten - Kunststofffinger schweben. In der zweiten Szene ist ein kleiner Junge aus dem Publikum sein cool mitspielender Partner. Die weiteren Intermezzi werden von Jimmy Folco gestaltet. Golfball und Pizzajongleur gehören ebenso zu seinem Standardrepertoire wie das 'Orchester' mit vier Zuschauern. Zudem zeigt er eine neue Variante des 'verbotenen musizierens'. Anstelle des Radios wandert eine Marionette in die Mülltonne, aus der zur allgemeinen Überraschung sein kleiner Sohn erscheint.
Gleich drei unterschiedliche chinesische Gruppen beeindrucken mit hohem Können. Relativ früh im ersten Programmteil sind die drei Mitglieder der Nanjing Acrobatic Group mit ihrem 'Pas de trois' zu erleben. Zwei Artistinnen zeigen Spitzentanz auf den Schultern, Oberarmen und Kopf ihres Partners. Sehr harmonisch werden einzigartige Leistungen in perfekter Ausführung gezeigt. Diese ist eine der beiden Darbietungen, die auf eine Musikkonserve, hier angesichts der klassischen Musik verständlich, zurückgreifen.
Gleich im Anschluss präsentieren die zehn Truppenmitgliedern der 'Heilongjiang Troup Acrobatic' Neuartiges,  kombinieren Reifen springen mit Russischer Schaukel. Bedingt durch die Absprünge von der Schaukel sind enorme Flüge durch die hohen Reifentürme gegeben. Höhepunkt ist der Flug durch drei drehende Ringe.

Noch vor der Pause zelebrieren die neun Reiter der Eshimbekov ihre Kunst. Der folkloristischen Einleitung mit Tänzern und drei Paaren Stehendreiter folgt eine trickstarke, an Rasanz kaum zu überbietende Dschigitenreiterei. Bemerkenswert, da anderweitig fast nicht zu sehen ist der Umstand, dass auch eine junge Frau aktiv als Reiterin in die Nummer integriert ist.

Direkt nach der Pause folgt der Höhepunkt dieses komplett aus Highlights formierten Programms gemessen an den Zuschauerreaktionen. Die gespannte Aufmerksamkeit während und der Jubelsturm zum Ende der Darbietung in weiten Teilen des Publikums lassen uns zu dieser Einschätzung gelangen.
Das Duo Guerrero brilliert auf dem Hochseil. Mit Guitarrenspiel - Werner - und Flamenco - Aura - leiten sie in der Manege ihren Auftritt ein. Nacheinander steigen sie über das Schrägseil, es ist diagonal durch die Manege gespannt, hoch. Ein erster Gang übers Hochseil - dann der Sprung über die auf dem Seil sitzende Partnerin. Bis zu diesem Moment begleitet Aura Guerrero die Nummer mit Live-Gesang über ihr Head-Set. Mit verbundenen Augen steht sie frei auf einem Stuhl, Werner demonstriert ausgiebigst Seil springen. Sie präsentieren ihren Spezialtrick - auf dem Seil klettert Werner auf die Schultern seiner Frau, wird von ihr übers Seil getragen, springt aufs Seil zurück. Den Abgang übers Schrägseil im Zwei-Mann-Hoch, nun ist Werner der Untermann, wird von Aura wieder mit Live-Gesang untermalt. In Deutschland sind die beiden Spitzenartisten übrigens im Heilbronner Weihnachtscircus zu sehen.

Mitfiebern und Anspannung lösen sich beim folgenden 'Komischen Trampolin' von Costin. Der Aufbau des Requisits mit Sprungturm folgt bekannten Mustern. Seine Arbeit hingegen zeigt sich vollkommen eigenständig. So erobert er das Requisit als „schusseliger Requisiteur“ und verzichtet auf die Attitüde des „Betrunkenen“, die ansonsten in diesem Genre gerne verwandt wird. Auch der obligate Striptease unterbleibt zu Gunsten von mehr artistischer Leistung. Dieser Auftritt ist geprägt von mehr Tempo und dichterer Trick- und Gagfolge, als es ansonsten oftmals zu beobachten ist.

Vor zwei Jahren war Marc Giely für kurze Zeit in Flicflacs 'No Limits' zu sehen. Nun zeigt er seine Sprünge und Stands auf dem Rad in dieser Manege.
Als Hotelpage kämpft 'Old Regnas' mit der Tücke des Objekts, bzw. seinem Golden Retriever. Pascale und Mike Sanger haben ihre Hundekommödie liebevoll gestaltet, zeigen ein umfangreiches Repertoire. Vor der Finalnummer platziert, sorgen sie noch einmal für große Stimmung im Rund.

Den Schlusspunkt zu setzen ist den acht jungen Frauen der 'The Girls of the Anhui Acrobatic Troupe' vorbehalten. Sie kombinieren Schleuderbrett und ikarische Spiele. Mittig über dem Schleuderbrett wurde die Trinka der Fängerin installiert. So sind interessante Wechsel zwischen Brett und Fängerin möglich. Ähnliches wurde vor Jahrzehnten bereits von ungarischen Schleuderbrettakrobaten geboten. Wenngleich die Chinesinnen anspruchsvolle Akrobatik bieten, wirkt der Auftritt insgesamt ein wenig statisch. Auch klingt die Musikkonserve zu pathetisch und schwer, so springt der Funke nicht wirklich aufs Publikum über. Die Entscheidung, diese Darbietung vor dem Finale zu platzieren ist ein wenig unglücklich.

Das Finale dieser Ausgabe der „Fete Lilloise du Cirque“ fällt kurz und knackig aus. Der Einmarsch der Mitwirkenden scheint nicht zu enden. In der restlos gefüllten Manege finden sich vierundfünfzig Artisten wieder. Ein kurze Pyramide, ein wenig winken während sich Monsieur Thierry Feery verabschiedet, dann leeren sich die Ränge. Ein wirklich großartiges Programm, dass auf jedwede Inszenierungs-Schnörkel verzichtet, verzichten kann weil es von viel Klasse geprägt ist, hat seine Zuschauer während reichlich zweieinhalb Stunden restlos begeistert.