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Text und Fotos Friedrich Klawiter
CIRCUS KNIE
Basel, 20. Juni 2014

www.knie.ch
Die diesjährige, 96. Produktion des Schweizer National Circus steht unter dem Motto "David Larible - der Clown der Clowns" und lässt somit keinen Zweifel daran, wer der Star der Show ist. In Folge dessen war es nur logisch erstmals seit rund zwei Jahrzehnten keinen Comedian der Kleinkunstszene zu verpflichtet. Der Wirkung der Show kommt dies zu Gute, erleben wir nun wieder einen einheitlichen Ablauf, so zu sagen "Circus pur", während die Komiker oftmals Fremdkörper im Circusprogramm blieben und es zu atmosphärischen Brüchen kam.
Traditionell gastiert der Circus Knie in jedem Juni in Basel auf der „Rosentalanlage“, einem kleinen innerstädtischen Park, der den Circus heutzutage nicht mehr komplett aufzunehmen vermag. Der von hohen alten Kastanienbäumen gesäumte Platz schmiegt sich eng zwischen die Wohnbebauung und die Messehallen und das markante weiß-rote Chapiteau nimmt die Freifläche in seiner Mitte komplett ein. Das große moderne bogenförmige Vorzelt findet hier keinen Platz, so dass auf die kleinere offene Vorgängerversion, bei der die beiden Verkaufscontainer seitlich im Freien stehen, zurück gegriffen wird.

Die Elektrozentrale und einige Garderobenwagen sind eng ums Zelt gruppiert. Den übrigen Raum füllen die Ställe für Pferde, Elefanten und Exoten sowie vier Wohnwagen der Direktion völlig aus. Sämtliche weiteren Materialtransporter, Zugmaschinen, Mannschaftsküche, Sanitärwagen, Wohnwagen der Mitarbeiter und Artisten, sowie die Werkstätten sind auf einem großen Platz etwa drei Kilometer jenseits der Grenze, im badischen Weil am Rhein, in einem großen Geviert stationiert. Mit Kleinbussen des Circus wird ein Pendelverkehr für das Personal unterhalten. Die Pferde werden tagsüber mit einem eigens für diesen Zweck beschafften Transporter, in dem vier Tiere Platz finden, auf eine außerhalb gelegene Koppel gebracht um ihnen den notwendigen Auslauf zu bieten.

Temperamentvoll startet die Show, die wie gewohnt von einer exzellenten Lichtregie und musikalischer Begleitung im seit Jahrzehnten gleichen, von Germaine Bourque geprägten, Sound - wie seit längerem bei Knie üblich im Halb-Playback - getragen wird.
Fredy Knie junior, der Patriarch der Familie, begrüßt das Publikum und verweist voller Stolz auf die Leistung der Dynastie Knie und darauf, dass die jüngere Generation nun immer mehr Verantwortung übernimmt, derweil die achte Generation bereits in der Manege zu erleben ist.
Gleich im Opening gehört die Manege für einige Augenblicke alleine David Larible und mit einem erwartungsvollen Applaus wird er auf Publikum aufgenommen. Sodann ist er gemeinsam mit der Truppe Bingo zu erleben. Deren Auftritte erscheinen weniger exaltiert als in den Vorjahren. Die typischen „Punkfrisuren“ sind jedenfalls nicht mehr zu sehen und die Artisten dürfen nun auch Schuhe tragen. Der Anteil an Tanzsequenzen in ihren Auftritten erscheint eingekürzt, so dass die artistische Arbeit mehr Geltung hat. Ihre beiden Auftritte  jeweils zu Beginn der beiden Programmteile zeigen in erster Linie Jonglagen. Sind es zu Beginn Bälle und Hula Hoop Ringe mit denen manipuliert wird, daneben gibt es auch Handvoltigen und die Brüder Errani zeigen einige Batudesprünge über einen Elefanten, wird der zweite Auftritt mit Kubusjonglagen gestaltet.

Direkt anschließend ist in beiden Programmteilen ein umfangreicher Block Pferdedarbietungen mit den verschiedenen Mitgliedern der Familie Fredy Knie zu erleben. Marie-José Knie eröffnet den Reigen mit zwei großrahmigen, dekorativ gescheckten Hengsten. Acht, per LED-Technik hell erleuchtete Stangen ersetzen die andernorts üblichen Metallringe, um die herum die Pferde ihre Figuren laufen und verleihen dem Auftritt eine besondere Aura. Mit furiosen Sprüngen über zwei quer im Mangenausgang stehender Ponys, von gleicher Zeichnung wie ihre großen Artgenossen, endet diese Freiheitsdressur.
Ivan Frédéric, zu einem stattlichen jungen Mann herangewachsen, reitet auf dem edlen Andalusierhengst eine ausgezeichnete Hohe Schule. Die verschiedenen Lektionen erfolgen flüssig in ausgezeichneter Manier und ein eleganter Vorwärtssteiger unter dem Sattel auf einem goldfarben schimmernden edlen Vollblüter rundet den Auftritt hervorragend ab.
Auf einem mächtigen weißen Shirehorse kommt die dreijährige Chanel Marie in den roten Ring. Zusammen mit ihrem Opa Fredy Knie junior dirigiert die kleine Persönlichkeit das Groß-und-Klein mit dem Kaltblüter und einem optisch perfekt dazu passenden Ponys. Voll kindlicher Ernsthaftigkeit beaufsichtigt das kleine Mädchen in erster Linie die Aktionen des Ponys und versteht es schon ausgezeichnet, dieses zum steigen zu bringen.
Zum Abschluss dieser abwechslungsreichen und charmant ohne Längen dargebotenen Pferdevorführungen sehen wir Maycol Errani mit Scout, Rosi Hocheggers Bettpferd. Routiniert agieren die beiden Partner und bringen ihre Tricks und Gags pointiert, so dass es scheint, Scout würde von alleine aus eigenem Antrieb handeln.

David Larible arbeitet seine Reprise in der er mit einem Jungen aus dem Publikum einen Wettkampf im Wasser spucken - für den Mitspieler erscheint es unfassbar, dass er in Richtung Publikum spucken soll - austrägt.
Gleich darauf folgt die nächste Dressurdarbietung aus dem Hause Knie - Franco Knie junior bringt zusammen mit Ehefrau Linna und Sohn Chris Rui drei asiatische Elefanten in die Manege. Routiniert erfolgt ein Querschnitt der seit Jahren in Variationen gearbeiteten Tricks.
Zu Tschaikowskis „Schwanensee“ tanzt und jongliert „Primaballerina David“ mit Seidentüchern ehe Maycol und Guido Errani wieder einmal ihre furiose Ikarier-Nummer arbeiten. Rasant wie eh und je folgen die Saltos, Pirouetten und ein perfekt verkaufter Scheinsturz aufeinander. Saltos zum Stand auf den Füssen des Untermanns und auf einen Fuß, Doppelsalto sind weitere hochkarätige Elemente die in exzellenter Form ausgeführt werden. Mit zwanzig, in hohem Tempo direkt hintereinander ausgeführten Saltos findet der Auftritt seinen Abschluss.

Das erste umfangreiche Entree von David Larible erfordert sechs Mitspieler, die in Windeseile requiriert sind. Nachdem diese auf dicken roten Plüschkissen auf der Piste Platz genommen haben, teilt ihnen der Clown Glocken zu. Mit Spielfreude, gestenreich und beeindruckender Mimik lenkt er die Freiwilligen zu den geplanten Gags und hat das begeistert mitgehende Publikum voll hinter sich. Wenn schließlich das Orchester einsetzt und „New York, New York“ erklingt, werden sechs die Zuschauer für einen Moment zu Stars und Larible ist der gefeierte Held im roten Ring.
Wer nun nach diesem furiosen Auftritt die Pause erwartet hatte irrte, zuerst sollte noch ein artistisches Highlight erfolgen. Die acht "Chinese Diabolo Girls" der "China National Acrobatic Troupe", Gewinner eines Goldenen Clowns beim
37. Circus Festival von Monte-Carlo, verzaubern mit ihrem Können regelrecht das Publkum. Gebannt und atemlos verfolgt die Menge die sirrend hoch durch die Kuppel fliegenden Diabolos, derweil die Artistinnen Saltos und Flickflacks schlagen, einander überspringen sowie Pyramiden bauen oder auflösen.

Nach den Kubusjonglagen der Truppe Bingo ist es an Maycol Errani eine außergewöhnliche Freiheitsdressur zu präsentieren. Auf einem prachtvollen Friesenhengst reitet er in die Manege. Alsbald gesellt sich ein zweites Pferd hinzu und nach einigen Steigeraktionen reitet der Vorführer stehend auf dem Gespann. Er verharrt inmitten des roten Ring und zwei weitere Friesen werden nur per Stimme neben die Handpferde dirigiert nun geht es in der Formation auf eine Galopprunde und wieder werden zwei Hengste ohne Hilfsmittel  rechts und links eingegliedert. In voller Karriere und nur per Stimme die Pferde in der Formation haltend werden einige Runden absolviert. Die Manege leert sich und der letzte Hengst legt sich ruhig in den Sand, woraufhin der Dresseur sich auf seinem Körper ausstreckt und die Scheinwerfer verlöschen.
Géraldine-Katherina Knie steht im Anschluss im Mittelpunkt einer Dressurfolge, die aus vier Zebras und je vier Friesen und weißen Arabern gebildet wird. Geschickt mit den verschiedenen Fellfarben spielend, werden abwechslungsreiche Formationen und Muster in den Lauffiguren geschaffen. Perfekt läuft die Darbietung, die die versierte Dresseurin mit mehreren verschiedenen Da Capo Steigern ausklingen lässt.

Die Strapaten-Darbietung von Shirley Larible, mit gesanglicher Begleitung durch ihren Vater, und Encho Keryzovs Handstandequilibristik sind aus langjährigen Roncalli-Engagements hierzulande bestens bekannt und verfehlen ihre Wirkung auch auf das Schweizer Publikum nicht.
Rosi Hocheggers in Monte-Carlo mit einem Silbernen Clown ausgezeichnete Hundkomödie ist eine weitere exzellente Tierdarbietung in diesem Programm. Durch Fenster und Türen einer romantischen Häuserkulisse  im Hintergrund der Manege kommen die Vierbeiner zu ihren Tricks in den Ring. Voller Spielfreude tollen sie mit ihrer Tierlehrerin, diese ist während des gesamten Auftritts flott unterwegs und erbringt eine gute sportliche Leistung, umher. Perfekt und ohne großes Zutun der Vorführerin werden die mannigfaltigen Tricks ausgeführt.

"Opera" das Parade-Entrée von David Larible ist für das Schweizer Publikum Neuland und entsprechend enthusiastisch sind die Reaktionen auf den Rängen. Spielfreudig und straff agierend trifft der Starclown mit jeder Geste und jeder Miene den Nerv der Zuschauer, fand in der besuchten Show auch talentierte Mitspieler, und treibt das Publikum von einer Lachslve in die nächste. Mit nicht enden wollendem Beifall wird er dementsprechend beim abschließenden Kompliment gefeiert.

Das Duo Vanegas sorgt mit seinen Aktionen auf dem Todesrad zum Programmende für den nötigen Nervenkitzel und bietet ein weiteres Highlight im Programm. Einarmiger Aufschwung außen am Rad, Salto im Kessel, Blindlauf und hohe Absprünge beim Seillauf auf der Außenbahn sind u. a. die hervorstechenden Aktionen. Mit drei Saltos auf der Außenbahn des schnell rotierenden Rades wird ein nicht alltäglicher Abschluss geboten.
Das große, festlich zelebrierte Finale folgt im Circus Knie seit vielen Jahren einer unveränderten Regie. Nachdem die Artisten ihr Kompliment gemacht und Aufstellung bezogen haben, nehmen die Mitglieder der Direktionsfamilie in der Manegenmitte ihre Positionen ein. Géraldine-Katherina Knie spricht die traditionelle Abschiedsformel und alle verharren solange in ihren Positionen, bis sich das Publikum zu Standing Ovations erhebt. Selbstverständlich gibt es noch einige Zugaben, die Manege leert sich und David Larible nimmt seine Konzertina zur Hand. Mit einem verträumten italienischen Lied lässt der „Clown der Clowns“ die Show stimmungsvoll ausklingen.