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Text und Fotos Friedrich Klawiter
Cirque Joseph Bouglione
Chatou, 14. Dezember 2008

www.cirquebouglione.com
Wie manch anderer Circus findet sich auch Joseph Bouglione zur Vorweihnachtszeit im Raum Paris ein. Chatou ist eine nördlich gelegene Vorstadt, etwa 15 Kilometer Fahrstrecke vom Eiffelturm entfernt. Auf der „Ile des Impressionistes“, einer großen Insel in der Seine, hat dieser Circus traditionell seinen Standplatz, hier wurde er auch vor 15 Jahren gegründet. Weiträumig aufgebaut auf dem mit großen Pfützen übersäten Gelände, wirkt der Circus wenig attraktiv. Das Chapiteau ist seit vielen Jahren im Gebrauch, der Fuhrpark zeigt deutliche Verschleißerscheinungen und Renovierungsstau. Zu welchem Zweck das verschlissene, große, vollkommen leere Vorzelt errichtet wurde, erschließt sich dem Besucher nicht.

Ein langgestrecktes, neueres Stallzelt bietet den zahlreichen vierbeinigen Circusangehörigen reichlich Platz, und für die fünf Tiger wurde neben dem Käfigwagen ein Freigehege errichtet. Im Chapiteauinnern erwartet den Besucher außer der Manege ein einfaches älteres sechsreihiges Gradin ohne Rückenbretter, der Restaurationswagen sowie eine raumfüllende rot-blaue Gardine, die mit vier überlebensgroßen Silhouetten von Steigerpferden dekoriert ist. Im Circus Joseph Bouglione, es handelt sich um „echte Bougliones“ und nicht um Lizenznehmer des großen Namens, verfolgt man durchaus mit einem gewissen künstlerischen Anspruch die Programmgestaltung. Mit den gewiss nicht übermäßigen Mitteln des Hauses wird versucht, das überwiegend von Familienmitgliedern gestaltete Programm mit einer durchgängigen Gestaltung zu verkaufen. Dies wird insbesondere durch Kostüme und Musik versucht. Diese nun ist in der aktuellen Produktion unglücklich gewählt. Schwere, oftmals sehr elegische, getragene klassische Stücke dominieren, überlagern das Geschehen. Die Musik unterstützt die Akteure nicht - hilft nicht verkaufen oder schwächere Leistungen zu kaschieren. Das Programm wird lang, entbehrt Schwung und Esprit, und der Applaus bleibt verhalten höflich.

Im bestens besetzten Chapiteau beginnt die Vorstellung, nachdem mit dem üblichen Applauswettbewerb die Stimmung ein wenig auf Touren gebracht wurde, mit einem Umzug unter dem Motto „Die Komödianten kommen“. Vorneweg reitet Direktor André-Joseph Bouglione mit seinem jüngsten, etwa drei- bis vierjährigen, Sohn vor sich im Sattel, dann die übrige Truppe. Ihre Kostüme sind dem ganz normalen Kleidungsstil der 1920er Jahre nachempfunden und werden während der Show durchgängig getragen. Nur die beiden engagierten Artisten weichen mit modernen Outfits von diesem Konzept ab.

Aus dieser Szene entwickelt sich als erste Nummer die Diabolojonglage eines weiteren, zehn- bis zwölfjährigen Direktionssohnes. Der Junge, Alexandre, macht einen hochkonzentrierten, wenn auch ein wenig aufgeregten Eindruck, und der eine oder andere Trick gelingt denn auch erst in der Wiederholung. Direktorin Sandrine Bougline, ihre Schwägerin Sabrina und die zwei Flores folgen mit einer Gruppenjonglage mit Ringen. Den Abschluss dieses durchgängig gestalteten Eröffnungsbildes bildet die Vorführung eines Illusionstricks durch den Chef und seine Schwester Sabrina.

Ein erstes Mal sehen wir Sandrine Bougline gekonnt Pferde vorführen. Drei hervorragend, wunderbar flüssig und gleichmäßig laufende weiße Pferde flechten je eine blaue weiße und rote Stoffbahn, die aus der Kuppel hängend an ihrem Zaum befestigt sind, zu einem Zopf in den Farben der Nationalflagge. Direkt anschließend präsentiert der Chef des Hauses ein Kamel und ein Pferd in einer kurzen gemeinsamen Dressur. Seine weiteren Auftritte erfolgen mit der Vorführung von vier Rindern und nach der Pause mit den fünf Tigern.

Die Katzen arbeiten langsam, wirken desinteressiert und müssen zum Ausführen eines jeden Tricks oft animiert werden. Das Repertoire umfasst Pyramide, Hochsitzer, übereinander springen, gemeinsames Abliegen, Feuerreifensprung und abschließend einen Vorwärtssteiger. In weiteren Auftritten sehen wir Sandrine mit einem Fünferzug Pferden sowie drei Pferden gemeinsam mit Kamel und zwei Dromedaren. Gemeinsam reitet das Ehepaar eine Hohe Schule. Sandrine arbeitet zusätzlich, unter Einbeziehung von zwei Tauben, kurz am Ringtrapez.

Einer der beiden Flores, ein Vorname war leider nicht in Erfahrung zu bringen, agiert zunächst als Clown. Seine Mimik und Bewegungen lassen auf eine umfassende schauspielerisch/pantomimische Ausbildung schließen. Einige der derzeit gängigen Reprisen werden mit und ohne Beteiligung Alexandres gespielt. Sein Hauptauftritt ist die zur Genüge bekannte Filmszene, zu der er vier Zuschauer rekrutiert. Als letzte Nummer bringt er eine schwungvolle Jonglage mit Ringen und Keulen in die Manege. Allan Flores arbeitet Mitte des ersten Teils die einzige akrobatische Darbietung des Programms. Zunächst zeigt er seine Handstände zu ebener Erde, bevor er auf einen höheren Piedestal wechselt.
Das Finale fällt kurz und knapp aus - was soll man mit fünf Erwachsenen und einem Kind auch groß anderes machen, als Aufstellung zu nehmen und den Chef einige Worte des Abschieds ans Publikum richten zu lassen?