optimiert



Text und Fotos Friedrich Klawiter
CIRQUE d' HIVER BOUGLIONE
Paris, 25. Januar 2015

www.cirquedhiver.com
Im Herzen der Stadt Paris, nur zwei Minuten von der Place de la Republique entfernt, befindet sich der Cirque d' Hiver. Das historische Gebäude, es symbolisiert wie nichts anderes den Glanz des Circus längst vergangener Epochen, wurde 1852 als „Cirque Napoleon“ erbaut und befindet sich seit 1934 im Besitz der Familie Bouglione.
Das vor einigen Jahren aufwändig sanierte Gebäude präsentiert sich in voller Pracht. Es handelt sich bei dem Bau, der seinerzeit in nur elf Monaten errichtet wurde, um ein zwanzigeckiges Polygon dessen Ecken durch korinthische Säulen verstärkt sind.

Eng eingepresst steht der Cirque d' Hiver in der seit vielen Jahren unveränderten großstädtischen Bebauung. Im schmalen Außenbereich neben dem Gebäude sind passgenaue Stallzelte für die Pferde und Elefanten der Familie Casselly aufgebaut. Die Tiere sind hier nur zu den Showzeiten untergebracht; in der übrigen Zeit sind sie in einem großzügigen Quartier ca. zwanzig Kilometer außerhalb der City stationiert.
Durch ein prächtiges, von zwei Reiterstandbildern flankiertes Portal tritt man in ein kleines, unscheinbares, holzvertäfeltes Foyer. Dieses weist nur die beiden Billettschalter und eine Rezeption auf. Von hier gelangt man in einen rund um das Gebäude führenden Gang und zu den ein wenig abenteuerlichen, noch aus den Gründungsjahren stammenden Holztreppen. Sie führen zu den auf drei hölzernen Galerien angeordneten Sitzen. Die extrem steile und sehr hohe Anordnung der Ränge garantiert von jedem Platz erstklassige Sicht auf das Geschehen.
Die Restauration und der Souvenirverkauf, sie sind  nur in der Pause und nach der Vorstellung zugänglich, haben ihren Platz in der Bar des Cirque d’ Hiver. Diese befindet sich in einer Hälfte des ehemaligen Pferdestalls, unmittelbar hinter dem Sattelgang. Ein großes Gemälde an der Kopfwand beherrscht, die Brüder Bouglione darstellend, den Raum. Die Wände sind mit rotem Samt bespannt und zeigen goldene Applikationen. Geschmackvolle Wand- und Deckenleuchten, riesige Spiegel und eine Vielzahl verschiedener Lichteffekte schaffen ein einmaliges Ambiente. Der zweite Teil des Raumes beinhaltet dekorativ hergerichtete historische Pferdeboxen. Ebenso sind die Wände mit vielen  großformatigen Plakaten aus alter Zeit geschmückt. Auch finden hier finden die Requisiten derlaufenden Shows ihren Platz.

Die raumhohe Bühne und der unverwechselbare stilvolle Artisteneingang dominieren den Zuschauerraum. Hinter dem zehnköpfigen Orchester ist eine große LED-Wall installiert, auf der Informationen zu den Artisten und dazwischen wechselnde Muster eingeblendet werden. Die Wandflächen zwischen den Zuschauergalerien sind mit rotem Stoff bespannt und goldene Ornamente schmücken sie. Vielarmige Kandelaber und der bemalte Plafond sind ein Genuss für die Augen der interessierten Betrachter.
Das wie immer erstklassige Orchester des Cirque d' Hiver, in dieser Produktion wie oben erwähnt zehn Musiker, begleitet die Show mit einem hervorragenden Sound. Die üppig dimensionierte Lichtanlage lässt vielfältige Effekte zu und mit ihrer Hilfe werden die auftretenden Artisten wirkungsvoll unterstützt und in Szene gesetzt.

Das aktuelle Programm wurde, recht vollmundig, unter das Motto „Geant“ - gigantisch - gestellt. Diesem Anspruch kann man allerdings nur in Teilen gerecht werden.
Der Komiker Rob Torres animiert zu Showbeginn das Publikum zu applaudieren und fängt den Beifall in zwei kleinen Holzkisten ein. Dann setzt das Orchester, dass leider die Show nicht komplett begleiten darf, kraftvoll ein und die Lichtregie demonstriert nachhaltig die Möglichkeiten der Anlage. Per Hubbühne erscheinen die Salto Dancer, Weißclown Alberto Caroli, Rob Torres und „Monsieur Loyal“ Michel Palmer aus den Katakomben des Gebäudes inmitten der Manege. Nach der Begrüßung durch den eloquenten Sprecher des Hauses ist René Casselly mit einem seiner Elefanten, der nur per Stimme gelenkt wird, mit einem ersten kurzen Auftritt zu erleben.
Die turbulente Hunderevue von Pat Clarrison lässt die Stimmung auf den Rängen gleich zu Programmbeginn steigen. „Hot Dogs“ ist das Motto der Nummer und passend zum Thema sind die Requisiten gestaltet. Die vier Hunde und ihr Vorführer agieren mit viel Schwung und kommen beim jungen Publikum gut an.
Ives und Ambra Nicols arbeiten ihre „Love Story“ an den Strapatentüchern, die zu Beginn von Ives gekonntem Live-Gesang getragen wird. Begeistert verfolgt das Publikum die Aktionen hoch unter der Kuppel und feiert das Paar bei seinen Tangosequenzen in der Manege mit lebhaftem Applaus. Ein neu einstudierter Trick erhöht den Spannungsmoment in der Trickfolge. Ambra nutzt die untere Quersprosse eines Stuhls, den ihr Partner mit den Zähnen hält, als Trapezstange. Nachdem Ambra in einem furiosen Wirbel aus der Kuppel herunter sicher in den Armen ihres Partners gelandet ist wird das Paar frenetisch gefeiert.

Rob Torres ist mit drei Auftritten im Programm vertreten. Zunächst hantiert er mit einer Fotokamera, fotografiert sich, das Publikum und findet einen „Freiwilligen“ der ihn bei seinem Treiben unterstützt. Im zweiten Auftritt wird mit Metallbechern jongliert. Im zweiten Programmteil übt er sich zusammen mit einem Zuschauerkind im Teller drehen. Immer wieder werden die in epischer Länge ausgewalzten Szenen, in denen die meisten Gags durch mehrmalige Wiederholungen todgeritten werden, vom „Applaus sammeln“ in den bewußten Holzkistchen unterbrochen.
„Pilot“ Daniel Golla steuert seine Modellflugzeuge per Fernbedienung zu allerlei Kunstflugfiguren. Obwohl die ca. fünfzig Zentimeter langen Modelle den Besuchern zum Teil sehr nahe kommen, vermögen die Aktionen dieser vollkommen circusfremden Vorführung den Raum nicht zu füllen. Ausführlich demonstriert Golla, dass er die Fernsteuerung beherrscht, die Reaktionen des Publikums bleiben indes sehr verhalten.

Drei Elefanten - Bulle Mambo pausierte in der von uns besuchten Vorstellung - und drei weiße Araber bringt René Casselly in einer temperamentvollen Abfolge in die Manege. Sämtliche Vierbeiner werden von Mitgliedern der Familien Casselly und Bouglione beritten. Abwechslungsreiche Lauffiguren und Interaktionen der Elefanten und Pferde laufen gekonnt unter der meisterhaften Führung des Dompteurs ab.
Die Salto Dancer kommen zu ihrem zweiten Auftritt und mit einem kleinen Finale wird nach nur fünfzig Minuten flott dargebotenem Programm,in die Pause übergeleitet.
Der zweite Teil der Show beginnt mit einem furiosen Auftritt des Orchesters. Temperamentvolle Soli, verstärkt zudem mit einem Trompetenspiel von Joseph Bouglione, wird die Zeit bis alle Besucher ihren Platz eingenommen haben, rasant überbrückt.

Hier an der „Geburtsstätte“ des Genres des "Fliegenden Trapez" (Jules Leotard flog hier am 12. November 1859 als erster Mensch frei zwischen drei Trapezen) bieten nun die Flying Mendonza mit südamerikanischer Lebensfreude eine äußerst schwungvolle Darbietung. Die zwei Fliegerinnen und zwei Flieger zeigen verschiedenste Tricks und auch der legendäre dreifache Salto gelingt sicher im ersten Versuch. Ein effektvolle Passage beschließt die Evolutionen.
Vier Bouglione-Junioren - Victoria, Valentino, Dimitri und Alessandro - präsentieren eine Magic Show. Routiniert verkaufen die jugendlichen Illusionisten die verschiedenen Großillusionen.
Das Trio "Momento di Passione" präsentiert eine durchgestylte Hand-auf-Hand Darbietung. Die beiden Damen der Formation sind die Porteure auf deren, oftmals in Kontorsionsposen verharrenden, Körpern der Voltigeur seine Handstände arbeitet. Kraftvoll und elegant erfolgen die zahlreichen Aktionen.

Leosvel & Diosmani begeistern mit ihrer fantastischen Kür am Chinesischen Mast. Mit enormem Kraftaufwand werden die hochklassigen und teils einmaligen Tricks in hervorragender Ausführung geboten. Ungewöhnliche Abläufe, wie z. B. ein horizontal, im rechten Winkel zum Mast, ausgeführter Klimmzug lassen die Zuschauer ungläubig staunen. Begeistert gefeiert werden die beiden kubanischen Artisten bei ihrem Schlusstrick, zu dem einer der beiden sich nur an den Händen haltend, mit gestreckten Armen, als „Fahne“ vom Mast absteht und der Partner auf seinem Körper einen Handstand drückt.

Als Finalnummer erleben wir die in Monte-Carlo mit einem Goldenen Clown ausgezeichneten Elefanten der Cassellys. Merrylu und René jun. bieten kraftvoll-elegante Akrobatik auf den Rücken der Dickhäuter. René jun. gleitet geschmeidig über die Rücken und Köpfe der vorwärts eilenden Elefanten. Handstände auf Rücken und Stoßzähnen werden von Spagat - ohne Handschlaufe - und Kontorsionsfigur zwischen zwei Elefanten gefolgt. Flickflacks auf den gepolsterten Elefantenrücken gehören gleichfalls zum Repertoire. Höhepunkt dieser Nummer sind die Tricks der Schleuderbrettelefanten und der dreifache, super sicher gelandete Salto von René jun. auf einem Elefanten krönt diese erstklassige Darbietung.
Die Salto Dancer leiten mit ihrem dritten Auftritt das Finale ein. Die Artisten verteilen blaue und orangefarbene Luftballons ans Publikum und nehmen ihre Aufstellung ein. Mit den Abschiedsworten von Michel Palmer endet das kurze Finale und die Manege leert sich. Die Lichtregie zieht ein letztes Mal alle Register während die Salto Dancer in den dichten Bühnennebel der Katakomben entschwinden.