Text und Fotos Friedrich Klawiter                                                 
CIRQUE D' HIVER BOUGLIONE
ECLAT
Paris, 15. Dezember 2012

www.cirquedhiver.com
Inmitten der Stadt Paris, zwischen Gare de l' Est und Bastille, befindet sich der Cirque d' Hiver. Das historische Gebäude in der Rue Amelot, 1852 als „Cirque Napoleon“ erbaut befindet sich den 1930er Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Besitz der Familie Bouglione.
Vor wenigen Jahren im Außenbereich aufwändig renoviert, präsentiert sich der historische Bau in frischem Glanz. Bei dem Gebäude, dass seinerzeit in nur elf Monaten errichtet wurde, handelt es sich um eine zwanzigeckiges Polygon, das korinthische Säulen an den Ecken aufweist.
Der Cirque d' Hiver steht eng eingepresst in der seit vielen Jahrzehnten unveränderten großstädtischer Bebauung. Das unscheinbare, kleine, holzvertäfelte Foyer weist nur die beiden Kassenschalter auf. Von hier gelangt man in einen rund um das Gebäude führenden Gang und zu den ein wenig abenteuerlichen uralten Holztreppen. Keine Stufe ist gleich mit der vorhergehenden und die Handläufe sind viel zu tief angebracht. Sie führen zu den auf drei hölzernen Galerien angeordneten Sitzen. Alle Gedanken an Brandschutz, Feuer und Massenpanik sollten tunlichst verdrängt werden. Die extrem steile und sehr hohe Anordnung der Ränge, die oberste Reihe entsprechend dem dritten Stockwerk eines Wohnhauses, garantiert von jedem Platz eine Supersicht auf das Geschehen.
Restauration und Souvenirverkauf gibt es nur in der Pause und nach der Vorstellung in der Bar des Cirque d’ Hiver. Diese befindet sich in einer Hälfte des ehemaligen Pferdestall, unmittelbar am Sattelgang.  Ein großes Gemälde an der Kopfwand beherrscht, die Brüder Bouglione darstellend, den Raum. Die Wände sind mit rotem Samt bespannt, zeigen goldene Applikationen. Geschmackvolle Wand- und Deckenleuchten, riesige Spiegel und eine Vielzahl an LED-Lämpchen schaffen ein einmaliges Ambiente. Der zweite Teil des Raumes beinhaltet noch einige dekorativ hergerichtete alte Pferdeboxen. Die Wände sind mit vielen alten großformatigen Plakaten geschmückt. Hier finden die Requisiten der aktuellen Show ihren Platz. Der Zuschauerraum wird beherrscht von der raumhohen Bühne mit dem stilvollen Artisteneingang. Die Wandflächen zwischen den Zuschauergalerien sind mit rotem Stoff gespannt und goldener Zierrat schmückt sie. Vielarmige Kandelaber hängen von den bemalten Decke herab und verbreiten mit den vielen LED-Lämpchen entlang der Brüstungen ein stimmungsvolles Licht.

Das große Orchester des Cirque d' Hiver ist von erlesener Güte und begleitet das Programm mit seinem hervorragenden Sound in einmaliger Weise. Das zweite überragende Element ist das Licht dessen Effekte und Möglichkeiten kaum zu beschreiben sind. So werden die Darbietungen in einer Weise unterstützt und aufgewertet, ja gepusht wie es nirgends sonst geschieht und normale Circusnummern mutieren zu einem Event.

Nach all den Jahren und vielen Circusbesuchen in Paris war es das erste Mal, dass uns der Verkehr der Millionenstadt einen Strich durch die Rechnung machte. Die rund zwölf Kilometer lange Fahrt von Le Bourget in die Rue Amelot dauerte deutlich länger als die zur Verfügung stehenden neunzig Minuten, so dass die Raubtierdressur von Redi Montico  ohne uns stattfand.
So kamen wir gerade noch zurecht einen Teil der Hula Hoop-Darbietung von Anton Monastyrsky zu erleben. Routiniert, sportlich und schnell kreisen die Reifen in mancherlei Variationen. Männliche Hula Hoop Artisten gibt es nicht viele und so bietet diese Nummer einen besonderen Schauwert.
Der US-amerikanische Komiker Rob Torres hat einige Auftritte in diesem Programm. Phantastisch seine Idee, einen Zuschauer den nötigen Trommelwirbel zur Unterstützung seines Tricks ausführen zu lassen. Er will ein Tischtuch unter dem Geschirr so von einem Tisch ziehen, dass alles an Ort und Stelle verbleibt. Der Trick misslingt - die musikalsichen Fähigkeiten des Assistenten sind natürlich schuld und so werden die Positionen einfach getauscht. Unversehens steht der Besucher im Mittelpunkt der Nummer und mit des Clowns Trommelwirbel als Hilfe gelingt der Trick famos. In einem weiteren Auftritt zeigt sich Rob Torres als höchst geschickter Jongleur von Metallbechern.
Charmant präsentiert Régina Bouglione ein Groß-und-Klein. Die optisch perfekt zu einander passenden Tigerschecken laufen die üblichen Formationen und werden vom Publikum mit lebhaften „ah' s“ und „oh' s“ begleitet. Mit einem Steiger des Ponys findet die Darbietung ihr Ende.
Diana Vedyashkina bringt eine außergewöhnliche „Freiheitsdressur“ in die Manege. Sechs Kurzhaar-Dackel arbeiten ihr Repertoire im Stil einer Pferdedarbietung. Sechs Postamente in Form von Zylinderhüten  werden in verschiedenen Lauffiguren umrundet und dienen als Sitzplatz. Auf sechs kleinen bogenförmigen Metallbrücken kann man stehen und liegen, sie überspringen, umwerfen, und mit ihnen schaukeln. Ähnlich einem Ballett arbeiten die Dackel synchron und erzielen beim Publikum eine enorme Resonanz.
Einen fulminanten Tango am Trapez tanzt das Duo Tempo Rouge aus der Ukraine. Dynamisch agiert das Paar und unter Verzicht auf jegliche Art von Sicherung folgen die teilweise riskanten Tricks aufeinander. Die Nummer läuft in hohem Tempo ohne schöpferische Pausen ab.
Sampion Bouglione jun. zeigt sein Können als Bodenjongleur mit Bällen. In Kombination mit Steptanz erfährt der Auftritt zusätzlichen Drive. Sicher und elegant führt der Jongleur seine Routinen mit bis zu sieben Bällen aus. Eine leistungsstarke Nummer, die durch die Tanzsequenzen ebenfalls über großes Showpotenzial verfügt.
Natürlich sind auch im Cirque d' Hiver „Salto Dancers“ zu erleben. Die acht Tänzerinnen geben der Show Struktur und verbinden die einzelnen Darbietungen miteinander. Mit einer schwungvollen Choreographie, in der die Bouglione-Junioren einem, von einem Pony gezogenen, Mini-Circuswagen entsteigt, leiten sie in die Pause.
Mit Michel Palmer steht ein höchst eleganter „Monsieur Loyal“ im roten Ring des Cirque d' Hiver. Eloquent, in sehr angenehmer Weise führt der erfahrene Ringmaster durch die Show.

Irina Bouglione eröffnet den zweiten Programmteil mit einem herausragenden Pole Dance. An einer sehr hohen Stange, die effektvoll und raffiniert von unten beleuchtet wird, bringt die attraktive Artistin ihre Kür zu Gesicht. Ungeheuer kraftvoll und voller weiblicher Eleganz gepaart mit erotischer Ausstrahlung werden die anspruchsvollen Tricks ausgeführt.
Wenig später schwebt Natalia Egorova-Bouglione an den Strapaten durch den Raum. Aus dem Untergrund der Manege fliegt sie, im Lichtkegel der nach oben zeigenden Scheinwerfer am Rande des Ausschnitts, rasant in die Kuppel. Weite Flüge in mystischem Licht und kraftvoll ausgeführte Halteposen sind die Kennzeichen ihrer Luftartistik.
Das Duo Jasters bietet mit seiner Darbietungen für den nötigen Nervenkitzel. Mit der Armbrust visiert Jacomo Jasters zahlreiche Ziele in unmittelbarer Nähe des Kopfes seiner Partnerin Elena an. Sämtliche Schüsse finden sicher in ihr Ziel. Temperamentvolle Aktionen mit den Wurfmessern lockern die Darbietung in idealer Weise auf. Den finalen, nicht risikofreien, „Tell-Schuß“ meistert Jacomo Jasters mit Bravour.
Die Bouglione-Nachwuchsartisten Valentino, Dimitri und Alessandro treten als Zauberlehrlinge vor das Publikum. Zuerst kann ein Holzauto, dem in der Manege die Räder angesteckt werden, dank drahtloser Fernsteuerung von alleine hinaus fahren. Dann wird unter Mitwirkung des Balletts in ganz großer Aufmachung eine Fluchtkiste präsentiert. Der kleinste der Jungs nimmt in einem großen Karton Platz und an Stelle der gewöhnlich Verwendung findenen Schwerter werden hier, in aller Ausführlichkeit viele Regenschirme kreuzweise in das Behältnis gesteckt.

Das Trio Bellissimo ist von seinem langjährigen Engagement im Circus Roncalli auch hierzulande bestens bekannt. Die drei Ukrainerinnen arbeiten ihre spektakuläre Equilibristik nun auf der drehenden Hubbühne und damit erhält die Nummer zusätzlichen Schauwert.
Die Josè Mitchell Clowns erobern mit ihrem virtuosen Spiel auf Saxophonen die Manege. In turbulenten, sich immer hektischer steigernden Versuchen, den Weißclown zu übertölpeln nimmt das „Wasserentree“ seinen Gang. Michel Palmer und Alberto Caroli, der während der gesamten Show als eleganter formidabler Weißclown in Erscheinung tritt, sind die kongenialen Gegenspieler der Auguste.
Die Truppe Fantasy setzt mit ihrem Auftritt am Schleuderbrett den artistischen Schlußpunkt des Programms. Die zehn ArtistenInnen bieten einige genretypische Tricks, wobei alle Sprünge auf den Schultern der Fängerpyramide gelandet werden. Ein stangengestütztes und longengesichertes Fünf-Mann-Hoch markiert den Höhepunkt der Evolutionen.
Im großen Finale ziehen Lichtregie und Orchester noch einmal alle Register. Der Ablauf folgt einem seit vielen Jahren bewährten Muster - Ballett und Artisten marschieren ein, Luftballons wechseln in die Zuschauerränge, die Artisten nehmen ihre Formation ein während die „Salto Dancers“ auf kleinen Plattformen auf der Piste tanzen. Die Manege leert sich, von den Emporen seitlich des Artisteneingangs aus verabschieden sich Weißclown und „Monsieur Loyal“, währen die „Salto Dancers“ per Hubbühne in die Unterwelt des Circus verschwinden.
Mit der aktuellen Produktion „Eklat“, deren Spielzeit noch bis Mitte März andauert, ist das Haus Bou mit erstklassiger Clownerie in einer großartigen Verpackung zu präsentieren. Den Zuschauern, nimmt man den Applaus als Maßstab, gefällt diese Mischung offenbar und so wird man auch für die kommende Spielzeit keine revolutionäre Veränderung anstreben.
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