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Text  und Fotos Friedrich Klawiter
CIRQUE FRANCO-CANADIEN
Andenne, 28. Mai 2011


In der malerischen belgischen Kleinstadt Andenne gastierte der Circus an der Meuse. Direkt am Wasser, auf einem Kai stand der Circus und bot vom gegenüberliegenden Ufer ein  idyllisches Bild vor dem Hintergrund der sanften wallonischen Hügel. Der Cirque Franco-Canadien von Simon Dubois ist auch in diesem Jahr wieder im französischsprachigen Teil Belgiens zu finden.
In gewohnter Weise lockt der Durchgangs- Kassenwagen mit der aufgeklappten bunten Fassade zum Besuch des Circus. In diesem Unternehmen wird die Menagerie gut sichtbar im vorderen Bereich des Geländes installiert und ist während des ganzen Tages frei zugänglich. Im Verlauf der letzten zwölf Monate hat sich die Anzahl ihrer Bewohner vergrößert. Neben den Ponys sind nun auch Großpferde zu sehen. Kamele, Lamas und Ziegen erwecken genauso das Interesse der Besucher, wie die in ihrem Wagen dösenden Löwen und Tiger.
Der große, weiß mit rotem Dekor, Zweimaster, mit der bei neuen Zelten in unseren Nachbarländern weitverbreiteten hohen Spitze, dominiert den Platz. Seine große Kuppel wird von sechs hohen Quaderpools geformt. Die zahlreichen großen Wohnwagen, zumeist amerikanischen Ursprungs sind entlang der Platzseiten aufgestellt. Die üblichen Anhänger und Sattelauflieger sind in rot mit gelber Beschriftung gehalten und nehmen den übrigen Platz ein. Auch der Fuhrpark wurde erweitert, insbesondere zwei neue Auflieger fallen gleich ins Auge.

Drei Kleintransporter mit Beschallungsanlage sind im Einsatz und ergänzen die flächendeckende, nicht zu übersehende Plakatwerbung.
Das Chapiteau wurde mit dem Artisteneingang in Richtung der Fassade errichtet. Die werbewirksame Ausrichtung der Tierschau mit dem Raubtierwagen gibt diese Anordnung vor. So versammelt sich die Menge zum Einlass „hinter dem Zelt“ und nimmt durch den Artisteneingang die Plätze ein.

Puristisch zeigt sich das Chapiteau im Inneren. Piste und die Logen sind in dunkelrot gestrichen und mit gelbem Dekor verziert. Das typische französische, sechsreihige Holzbankgradin weist keine Rückenbretter auf und eine einfache weiße Kunststoffplane mit schlichtem roten Stoffvorhang bildet den Artisteneingang. Authentisch und ursprünglich kommt dieser Circus daher, zeigt in manchem noch den Charme einer vergangenen Epoche. Mittig vor der Manege, dort wo sich andernorts der Eingang in der hier fest verschnürten Leinwand befindet, hat der Restaurationsstand seinen Platz. Frisch zubereitetes Popcorn und Zuckerwatte wecken mit ihrem Duft unsere olfaktorischen Sinne und so bleibt der Stand immer dicht umlagert.
Die Lichtanlage wurde gegenüber dem Vorjahr modernisiert und erweitert. Ergänzend zu den schlichten hellen Strahlern an beiden Masten hängt im vorderen Zeltbereich ein Gitterrohrträger, an dem eine Reihe farbiger Scheinwerfer hängen. Die klassische Circusmusik ertönt selbstverständlich unverändert von CD.

Marc Regnier, belgischer Circusenthusiast und Begründer des Festivals von Gembloux,  übernimmt gekonnt die Rolle des „Monsieur Loyal“ und nach der Begrüssung ist die Raubtierdressur von Juniorchef Harry Dubois als erste Darbietung zu sehen. Routiniert lässt der versierte Dompteur einen Löwen und drei Löwinnen ihr umfangreiches Repertoire vortragen.  Pyramide, zahlreiche verschiedene Sprünge, Balkenlauf mit abliegen von allen Tieren, Bar, Teppich und Hochsitzer am Platz werden flott ausgeführt.
Geheimnisvolle Atmosphäre, ein orientalisches Gewand - Miss Bettina, die Frau von Harry Dubois betritt die Manege. Eine klassische Nummer am Vertikalseil, die alle wesentlichen Elemente des Genres enthält, wird  elegant und mit Kraft von ihr geboten.
Eine flotte Jonglage bietet das Duo Joana & Jan. Nachdem der Beginn der Darbietung beide in Aktion sieht, dominiert im weiteren Verlauf Jan mit seinen Routinen. Mit Keulen und Ringen erfolgt die sichere und umfangreiche Arbeit.

Wenig später präsentiert Joana ihre Künste mit den Hula Hoops. Elegant lässt sie in vielfältigen Varianten die Ringe um ihren Körper rotieren.

Eine erste Reprise sieht Clown 'Cappuccino' im Zusammenspiel mit seinem Großvater Direktor Simon Dubois. Eine Version des 'musizieren ist verboten' wird, auch durch die versierte Rhetorik des Direktors, erstklassig verkauft und alle Beteiligten haben ihren Spaß.
Eine flotte, aufwändig präsentierte Antipoden-Jonglage steuert das Trio Voltola, „sie kommen direkt aus Quebec zu uns“ zum Programm bei. Während die beiden dunkelhaarigen, schwarzgekleideten Damen den Akt umrahmen, bietet die blonde Künstlerin sicher ausgeführte Routinen mit Rollen, Walzen und einer großen Kugel. Besonders effektvoll wird eine Feuerwalze abschließend jongliert.
Nun hat der Direktor seinen großen Auftritt. Redegewand, im Stil erstklassiger Rekommandeure legt er dar, welche Futtermengen respektive Summen täglich für seine Menagerie von Nöten seien. Damit nun alle Tier- und Circusfreunde Gutes tun können, findet eine Tombola statt, deren Erlös ausschließlich den Circustieren zukommt.

Die Lose zu drei Euro finden reißenden Absatz und als Gewinne sind Plakate, Fähnchen und „Punching-Luftballons“ vorhanden. Nachdem sich der Trubel um Lose und Gewinne wieder gelegt hat, wird die Pause von „nur fünf Minuten“ angekündigt. Das Chapiteau bleibt auch jetzt fest verschlossen und das Publikum somit auch am Platz. Reichlich wird von den Pausenangeboten - Ritt auf einem Kamel, Besuch der Restauration oder Kauf eines Leuchtsouvenirs - Gebrauch gemacht und so verlängert sich die Pause naturgemäss.

Clown Carnellis, Jan Janecek,  ist auch hierzulande kein Unbekannter, so war er u. a. 2009 im Weihnachtscircus von Voyage und einige Zeit davor im Circus Herkules zu sehen. Reiste er seinerzeit zusammen mit der ganzen Familie, ist er nun alleine mit seiner Frau Joana unterwegs. Drei Reprisen werden hier geboten. Zunächst zusammen mit dem Direktor das, in französischen Circussen offenbar unverzichtbare, einüben des „richtigen“ Applausmodus. Dann wird mit Zuschauerbeteiligung Motorrad gefahren und geheiratet. Abschließend agiert er in einem aufblasbaren Riesenanzug.
Der heimliche Star der Veranstaltung hört auf den Namen „Miss Joel“ und ist fünf Jahre alt. Zu „Wacka Wacka Afrika“ tanzt die Kleine voller Begeisterung mit wildem Hüftschwung dabei nach und nach ihre Hul Hoop Tricks vorzeigend.

In einer weiteren Luftnummer präsentiert Miss Alisson ihre Kür am Ring. Elegant und kraftvoll werden die verschiedenen Posen ausgeführt.

Drei Dressurdarbietungen bringt der bekannte tschechische Tierlehrer Roberto Berousek, der im Re-Engagement auch in diesem Jahr für die Einhufer und Cameliden zuständig ist, in die Manege. Zunächst drehen vier Kamele unter seinem Kommando ihre Runden. Die gängigen Figuren werden flüssig absolviert. Direkt nach der Pause folgen vier Tigerscheck-Ponys in dekorativen roten Geschirren.
Neu im Programm ist die Finalnummer. Vier Schimmel werden von Roberto Berousek in souveräner Manier vorgeführt. Viele Elemente und Lauffiguren werden sicher beherrscht und vorgetragen.

Ein Finale vereint alle Mitwirkenden in der Manege. Marc Regnier stellt die Artisten noch einmal vor und diese verabschieden sich mit kleinen Kostproben ihres Könnens. Direktor Simon Dubois bedankt sich für den Besuch und kündigt nun die große, die einmalige, noch nie gesehene Überrraschung an. Roberto Berousek kommt mit einem etwa acht Wochen alten, lebhaften Golden Tabby auf dem Arm hinzu. Nur rund fünfhundert Exemplare dieser seltenen Tiere lebten weltweit, erklärt der Direktor, und eines davon habe man nun eigens zu unserer Freude hierher nach Andenne gebracht. Der kleine Tiger bekommt nun seine Milchflasche und der Direktor bewirbt die Chance zu einem einmaligen Erinnerungsfoto Seite an Seite mit der kleinen Raubkatze.
Nach reichlich zweieinhalb Stunden klingt dieses unterhaltsame Spektakel eines traditionellen Familiencircus nun allmählich aus. Zufriedene erwachsene Besucher und begeisterte Kinder statten noch einmal den vielen Tieren des Circus einen Besuch ab, ehe sie den Heimweg antreten und auch die Direktion zeigt sich angetan von diesem Tag.