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Text und Fotos Friedrich Klawiter
Circustraum Conelli
Zürich, 17. Dezember 2008

www.conelli.ch
Im Lauf vieler Jahre ist Conelli zu einem festen Bestandteil der Vorweihnachtszeit in Zürich geworden. An diesem trüben Wintertag waren die roten Zeltanlagen der einzige Farbklecks in der tief verschneiten Stadt. Auf dem Bauschänzli, einer kleinen Insel in der Limmat unweit der Stelle, wo sie aus dem Zürichsee tritt, hat dieses Circus-Varieté seine Heimat. Das Chapiteau von zirka 28 Metern Durchmesser wird von einem Gitterrohrbogen überspannt, an dem es aufgehängt ist. Diese Konstruktion ermöglicht es, das Innere völlig von Masten und Stangen frei zu halten.
Vorzelt und einige Verbindungstunnel drängen sich dicht um das Spielzelt und füllen zusammen mit drei Campings und dem Wirtschaftsgebäude, im Sommer beherbergt die Insel einen Biergarten unter den Kastanienbäumen, die Fläche restlos aus. Am Ufer sind einige Frontzaunelemente installiert, und mit vielen Lichtern wird eine zauberhaft verträumte Atmosphäre geschaffen. Sobald man den mit einem Tunnel überbauten Steg zur Insel betritt, befindet man sich in der geschmackvoll, üppig und edel dekorierten Conelli-Welt: alle Bereiche mit rotem Teppich ausgelegt, Gelegenheit die Garderobe abzugeben, die Conelli-Bar mitten im Fluss mit dem wunderbaren Blick über die Zürcher Altstadt, deren unzählige Lichter sich im Wasser widerspiegeln. Im kleinen Foyer - während der Show dient es als „Sattelgang“, es beherbergt zudem Verkaufsstände und Sektbar - bekommt jeder Besucher von den Tänzerinnen des Balletts ein Sternchen auf die Wange geklebt. Auf einer gläsernen Plattform schwebt ein Pianist samt Flügel in der Kuppel und verbreitet mit seinem Spiel weihnachtlich-festliche Stimmung. Im Chapiteau drängen sich zehn Reihen Stühle - sie bieten 900 Personen Platz - in steilem Anstieg um die kleine Manege und füllen den Raum restlos aus. Ein klassischer Artisteneingang mit dem Orchesterpodium obenauf und eine mehr als opulente Lichtanlage fallen sofort ins Auge. Die drei, mit Geigen und Cello bewaffneten, Musikerinnen des 15-köpfigen Conelli-Orchesters intonieren während des Einlasses in der Manege verschiedene klassische Stücke. Bei Conelli arbeiten alle Artisten ausschließlich zu Livemusik. Können sie keine Noten für ein großes Orchester vorlegen, schreibt Kapellmeister Alex Maliszewski entsprechende Musik. Die Lichtregie obliegt Robi Gasser und ist ihm nach allem Anschein nicht nur Aufgabe, sondern auch Berufung. Kurz gesagt, so lässt sich fast jeder Act als Spitzendarbietung verkaufen. Soviel zu den Rahmenbedingungen - kommen wir nun zum Programm.

„Unforgettable“ -  der Titel ist als Hommage an die Verstorbenen Gerda und Conny Gasser gedacht. Bis auf den letzten Platz sind die Ränge gefüllt, die Scanner zaubern einen phantastischen Sternenhimmel - langsam senkt sich aus der hohen Kuppel eine kreisförmige Projektionsleinwand. Auf ihr sehen wir Bilder und Filmausschnitte - Conny als Clown, am Fangstuhl mit Gerda, mit Delphinen und Seelöwen, aus dem Connyland und von Conelli - von Stationen zweier erfüllter Leben. Das Conelliballett tanzt, und Ringmaster Pino Gasparini singt „Wir sind Artisten“, die Nate Jacobs Gospel Singers kommen im Hintergrund hinzu, und ein kleines Charivari löst sich in den Auftritt der Shaffik Acrobatic Troupe auf. Mit viel Schwung, Esprit und Können wirbeln die marokkanischen Springer und Pyramidenbauer umher, füllen die kompakte Manege aus, reißen mit ihrer sympathischen Ausstrahlung das „hautnah“ sitzende Publikum mit und aus eventuell vorhandener Sentimentalität heraus. Eine kurze Flaggenparade beendet das Opening. Aus Russland kommt Andrij Romanowskyy mit seiner originellen Klischnigg-Darbietung. Faszinierende Tricks werden im Habitus eines Kaminkehrers humorvoll geboten. Mit Gesang und Ballett im Al Capone-Stil wird die folgende Hand-auf-Hand-Darbietung der Fratelli Curatola passend eingeleitet. Routiniert und publikumswirksam verkaufen die italienischen Sunnyboys ihre - zum Beispiel von Roncalli - bekannte Darbietung. Shaman nennt sich Dmitry Chernov, der eigenwillig und modern in schwarz und weiß gestylte Jongleur mit Künstlernamen. Er arbeitet ausschließlich mit weißen Bällen, die aus trichterförmigen Taschen, die am Kostüm angebracht sind, in die Muster eingefügt oder darin gefangen werden. Diese neu interpretierte Idee verleiht einer ansonsten recht durchschnittlichen Jonglage etwas Originalität.

Seit vielen Jahren sind Gaston und Rolli in der Conellimanege zu Hause. In immer wieder wechselnden Reprisen und Entrees begeistern sie mit Spielfreude, Ausstrahlung und Können. In diesem Jahr spielen sie, als neue und originelle Idee, Schach und als weitere Reprise die Gangsterszene. Ganz großes Theater, das diesjährige Entree. Stilsicher, perfekt und originell agieren Nadja Gasser als Restaurantchefin und Pino Gasparini als Gast sowie Gaston und Rolli als trottelige Kellner im Stil von Stan und Olli. Außergewöhnlich und faszinierend das „Face changing“ des Chengdu Sichuan Opera Ensembles. An der Sichuan Opera wurde diese uralte traditionelle Kunst vor etwa dreihundert Jahren aufgegriffen, ins Repertoire genommen und immer weiter verfeinert. In Bruchteilen von Sekunden wechseln die beiden Akteure die aufwendig bemalten Masken vor ihren Gesichtern. Nicht zu erkennen, auch bei dem geringen Abstand zum Zuschauer, „wie es funktioniert“. Auf der anderen Seite dauert es bei etlichen Zuschauern eine Weile, bis sie bemerken, was die Akteure eigentlich tun. Die chinesische Railway Circus Acrobatic Troupe zelebriert die Kunst der Rola Rola-Artistik in einmaliger, unglaublicher Weise. Flicflacs auf der Rola sowie Tricks aus dem Repertoire der Handstand- bzw. Hand-auf-Hand-Artisten werden mit spielerischer Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit geboten. Einmalig der Spitzentrick. Der Untermann, unter dem Rolabrett einen Turm aus drei Walzen, hält eine kleine Plattform über seinem Kopf, auf welcher der Obermann ebenfalls einen Turm aus drei Walzen aufbaut. Dann drückt er auf der Rola einen Handstand und hält ihn so lange, bis die 360-Grad-Drehung beider Akteure vollendet ist. Diese erfolgt ohne Zuhilfenahme eines Drehtellers oder anderer Hilfsmittel.

Direkt nach der Pause bekommt das exzellente Orchester die ihm gebührende Aufmerksamkeit durch einen entsprechenden Musikblock. Dann die Überraschung des Programms - die Nate Jacobs Gospel Singers. Der Auftritt eines Chores in einem Circusprogramm ist mit Sicherheit ungewöhnlich. Die fünf Sängerinnen und drei Sänger aus New Orleans, allesamt erstklassige Solisten, geben dem Programm den besonderen Kick und ein klein wenig hat man den Eindruck, „Sister Act“ live zu erleben. Das Ballett leitet über zum „Flight of Passion“. Dimitrij und Olesya aus der Ukraine haben sich eine außergewöhnliche Strapatendarbietung aufgebaut. Elegante Flüge wechseln ab mit kraftvollen Tricks, wie man sie sonst von Trapez oder Haltestuhl kennt. Perfekt präsentiert, mit wunderbarem Licht und exquisiter Livemusik optimal unterstützt, wird diese erstklassige Luftnummer in der Enge des Conelli-Chapiteaus zu einem echten Highlight. Nahtlos der Übergang der träumerisch-romantischen Stimmung beim unmittelbar anschließenden Auftritt von Iryna Pitsur. Ihre ungewöhnliche Hula Hoop Darbietung, hierzulande unter anderem von Roncalli her bekannt, verfehlt auch in diesem Rahmen ihre Wirkung nicht. Einzig gerät die musikalische Begleitung vielleicht eine Spur zu elegisch. Diese Stimmung verfliegt sogleich, als George Schlick die Manege betritt. Mit unnachahmlicher Nonchalance, Präsenz und außerordentlichem Können zeigt er seine Kunst als Ventriloge. Schnell wird deutlich, dass es nicht alleine genügt, seine Darbietung als Vorlage der eigenen Nummer auszuwählen, um zu den Großen des Genres zu zählen.

Aus Russland kommt die zehnköpfige Acrobatic Troupe Ruban, deren Metier das Schleuderbrett ist. Ihre Sprünge auf ein Kissen beziehungsweise die Schultern der Untermänner füllen die enge Conellimanege restlos aus und führen auch weit hinauf in die Kuppel. Eine großartige Finalnummer eines hervorragenden Programms. Das Finale wird zelebriert, wie es heute oftmals zu sehen ist, und wird so noch einmal zu einer eigenständigen Nummer. Die Truppe Shaffik kommt nochmals zu einem kürzeren Auftritt, Vorstellung der Artisten, Zugaben und immer wieder das Ballett. Erstaunt stellt man fest, dass sich fünfzig Mitwirkende zum Finale in der Manege eingefunden haben. Die Direktion, Conellimitbegründer Herbi Lips sowie Robi Gasser mit Ehefrau Cindy und Schwester Nadja, verabschiedet sich. Die Nate Jacobs Singers erfreuen ein weiteres Mal mit ihrem umfangreichen Repertoire, dann leert sich die Manege. Langsam kommen nacheinander Gaston und Rolli sowie Pino Gasparini vor den Vorhang, die Clowns schminken sich ab, und der Ringmaster singt Frankie Boys „My Way“. Auf der inzwischen wieder herabgelassenen Leinwand sind die überlebensgroßen Porträts von Conny und Gerda Gasser zu sehen - die Manege ist leer.

„Unforgettable“ -  ein großes und perfekt präsentiertes Programm ist vorüber, und der Titel ist für die, die es erlebt haben, nicht mehr nur Hommage an die zu früh verstorbenen Mitbegründer dieses einzigartigen Circus-Varietés. Für alle seine Besucher wird es genau dies sein - „Unforgettable “.