Text und Fotos Friedrich Klawiter
ZIRKUS CHARLES KNIE
Bonn, 12. 06. 2010

www.zirkus-charles-knie.de
In der vierten Saison reist dieses Unternehmen nun unter der neuen Direktion und hat eine enorme Entwicklung genommen, ist mit dem Circus der davor liegenden Jahre nicht mehr zu vergleichen. War der Circus unter der Leitung von Charles Knie ein gemütliches mittelgroßes Unternehmen mit unterhaltsamen ansprechenden Programmen, hat es unter der Ägide von Sascha Melnjak den Schritt zu einem modernen Großcircus vollzogen. So gut wie nichts - sieht man vom Namen des Circus ab - erinnert mehr an den Circus der ersten Direktion, lediglich das Farbschema von Zelten und Fahrzeugen, creme mit dunkelroten Absetzungen, wurde  beibehalten.

Die über dreihunderttausend Einwohner zählende Bundesstadt Bonn hat seit etlichen Jahren keinen Festplatz und so führt der Circus Charles Knie sein Gastspiel auf einem Privatplatz durch. Dieser reicht für den Circus nicht aus, ein Teil der Fahrzeuge musste auf einem weiteren nahe gelegenen Gelände untergebracht werden. Offensichtlich kann hier weitgehend unbeschränkt plakatiert werden und so wurde geradezu beispielhaft von diesem Medium Gebrauch gemacht. Die üblichen großen Tafeln wechseln ab mit dem Namenszug in meterhohen Einzelbuchstaben. Dazu kommen große, etwa zweieinhalb mal vier Meter messende Stellwände, die mit den bekannten Motivplakaten beklebt sind.
Die Werbung ist auffallend gestaltet und arbeitet mit den branchenüblichen Superlativen, wobei hier allerdings die Anzahl rekordverdächtig ist. Sprechen die Plakate vom „schönsten Programm Europas“, der „schönsten Tierlehrerin Deutschlands“, dem „lustigsten Bauchredner der Welt“, der „besten gemischten Raubtiergruppe der Welt“, nennt das - umfangreiche und schön aufgemachte - Programmheft den „einzigen Circus mit großem Garderobenwagen der ursprünglich für Fernsehproduktionen genutzt wurde“, die „modernste Licht- und Tonanlage“, mit „einem der größten Circusorchester“, der „artenreichsten Tierschau Europas“ und „eines der modernsten und schönsten reisenden Büros“.


An der Straßenseite des Platzes steht eine Reihe hoher Bäume und lässt die beeindruckende Front des Circus nicht wie ansonsten gewohnt zur Geltung kommen. Büro- und Kassenauflieger flankieren hinter dem modernen, mit Leuchten und Plakatfolien verzierten Frontzaun den Eingangsbogen mit seinem zweiflügligen Tor. Nachdem in den vorangegangenen Saisons das gesamte technische Equipement des Circus erneuert wurde, gab es zu Beginn dieser Spielzeit nochmals ein neues, größeres Vorzelt. Auf dem hohen Gitterbogen zwischen seinen beiden Masten prangt in großen Leuchtbuchstaben unübersehbar ein weiteres Mal der Schriftzug „Supercircus“. Auf diesem Gelände ist der chic und modern gestylte Viermaster bedingt durch die Bäume kaum hinter dem Vorzelt zu sehen.
Der Fuhrpark besteht überwiegend aus Sattelaufliegern, dazu einigen modernen Anhängern. Von den früher ebenfalls vorhandenen „richtigen“ Circuswagen hat man sich zu Gunsten effektiveren reisens getrennt. Passen die weiß-lichtgrau Zugmaschinen nicht so ganz ins farbliche Konzept des Circus, scheint sich dies nun auch zu wandeln. Zwei neue MAN leuchten in rotem Lack. Der gesamte Fuhrpark wurde mit dem neu designeten Schriftzug, in dem „Charles“ und „Knie“ nun gleich groß geschrieben sind, er findet auch auf allen Printmedien Verwendung, versehen.
Die überaus üppige und Aufmerksamkeit erregende Illumination des Circus ist in unseren Breiten ungewohnt, eher an südeuropäischen Vorbildern orientiert. Große „Lollis“ auf den Mastspitzen, Lichterketten, Namenszug in hohen Lettern auf der Kuppel, Leuchtschrift über dem Vorzelt und auf dem Eingangsbogen, riesige Lauf-Leuchtschriften auf Büro und Kasse sowie die Lichtbänder am Zaun lassen den Circus in der Dunkelheit in hellem Glanz erstrahlen, verlocken zum Besuch. Bei aller Faszination der funkelnden und blinkenden  tausenden Lämpchen bleibt der Wunsch, dass hin und wieder alle Lichter gleichzeitig ruhig leuchten, auf dass die Front in vollem Glanz genossen werden kann.
Angesichts des Sommerwetters blieb die Front des Vorzeltes offen, so dass Kinderkarussell, Restaurationswagen und dekorative Verkaufsstände mit ihrem Licht bis nach draußen locken. Das gesamte Vorzelt sowie der Weg vom Eingang als auch der Tunnel bis ins Chapiteau ist mit Kunststoff-Bodenelementen ausgelegt. Dieser Komfort endet im Eingangsbereich des Chapiteau, der Gang vor dem Gradin und die Logen bleiben hiervon ausgenommen.

Hinter den schmuck gestalteten roten Logen mit ihren feinen Polsterstühlen finden die meisten Zuschauer auf dem komplett mit Klappsitzen ausgerüsteten Gradin ihren Platz. Die Piste zeigt sich schlicht und schmucklos, genauso wie der Artisteneingang aus glitzerndem roten Stoff. Er wirkt ein wenig improvisiert da Umlenkrollen von Seilzügen unverkleidet oben heraus schauen, dazu verstärkt eine unschöne Konstruktion über dem Orchester, die einige Scheinwerfer trägt, diesen Eindruck. Das Orchester sitzt uninszeniert, weitgehend dem Blick der Zuschauer entzogen über dem Vorhang. Hier werden  leicht zu erzielende Effekte ausgelassen. Gleiches lässt sich zum Einlasspersonal bemerken. Der sehr legere Look in verschiedenfarbigen  Charles-Knie Polo- und T-Shirts wirkt eher nach 'Freizeit' denn großer Soiree in einem Unternehmen, dass ansonsten in weiten Teilen offensichtlich Wert auf ein erstklassiges Erscheinungsbild legt.

Das neu formierte achtköpfige Charles-Knie-Orchester unter Volodymyr Kozachuk, bereits während des Einlasses werden einige Stücke intoniert, erweist sich als erstklassiger druckvoll aufspielender Tonkörper, der es nur versäumt die Lautstärke zu variieren, diese dem Ablauf anzupassen. So ist der gleichmäßige hohe Pegel mitunter unpassend und die Ansagen von Sprechstallmeister André Riedesel beispielsweise gehen zu ganz großen Teilen unverständlich in der Musik unter.

Die „modernste Lichtanlage“ erweist sich im Verlauf des Abends als nicht optimal. Ihr Fokus liegt zu sehr in einem kleinen Radius zentral in der Manegenmitte, auch wird der Verfolger allenfalls sporadisch eingesetzt. Der überaus intensive Einsatz der Nebelmaschine trägt ein übriges dazu bei, manche Szene schwer erkennbar zu machen.

„Eine Reise um den Globus in 150 Min. Die ganze Welt im Circusglanz!“ lautet das diesjährige Programmmotto für ein flott ablaufendes, straff in Szene gesetztes Nummernprogramm. Durch das Ballett erhält es Zusammenhalt und einen 'roten Faden'.
Mit einer groß angelegten Szene in einem „Zigeunerlager“, die Kostüme dazu kamen vom  Circus Herman Renz der im letzten Jahr unter dem Motto „Gipsy“ tourte, beginnt die Reise. Insgesamt zwanzig Personen, Ballett und Artisten, gestalten dieses Schaubild in dessen Verlauf Virgilia und Georgia Riedesel auf dem Tanzseil bzw. an Strapatentüchern Kostproben ihres Könnens bieten, derweil die Nistorovs mit Fackeln jonglieren und André Riedesel Feuer schluckt und spukt.

Das Programm erfuhr an diesem Abend Änderungen da Dany Stipka verletzt passen musste. So fiel der Pas-de-deux aus und Marek Jama führte zu Beginn den  Sechser-Zug Araber vor, der seinerzeit von Charles Knie dressiert wurde. Souverän werden die Lauffiguren und Da Capo-Steiger absolviert.
Versace folgt mit seiner 'Elefantenreprise'. Er hat nun nur noch vier Auftritte. Während des Netzaufbaus für das Flugtrapez folgt das Seilspringen mit Zuschauerbeteiligung, dass Gottlob  gestrafft wurde und schneller zum Abschluss kommt. Beim Käfigabbau rollt er den großen luftgefüllten Würfel über die Gradinreihen und schlussendlich sehen wir ihn mit seinen vier Puppen tanzen. Dieser, sein ansprechendster Auftritt wurde neu verpackt. Die Puppen sind als Skelette hergerichtet und das gesamte Arrangement zeigt sich im Piratenlook.
Mit großer Show wird die Hula Hoop Nummer von Monika Sperlich verkauft. Das Ballett, in stilvollen indischen Kostümen selbst die „Fingernagelverlängerungen“ im Stil von Tempeltänzerinnen wurden nicht vergessen, leitet den Act ein, dann wird die Artistin in einer Sänfte hereingetragen. Sie legt ihren wunderbaren, mit einem Pfauenmotiv geschmückten Umhang ab und arbeitet in einem gleichermaßen orientalisch inspirierten Kostüm ihre Nummer.
Diese indisch-orientalische Passage rundet das Exotentableau ab. In bekannter Manier präsentiert Marek Jama nacheinander die Zebras, Kamele, Riesenkänguru, verschiedene Rinder und abschließend fünf Lamas.
Die Mairen Brothers, Maik und René Sperlich führen ihre Handstände auf einem Trike aus. Die modern gestylte Nummer steht optisch in starkem Kontrast zu den vorangegangenen und wird in diesem Jahr ohne Ballettbegleitung geboten.

Dann der erneute kontrastreiche Wechsel des Bildes. Eine einzelne Tänzerin leitet die zweite Pferdefreiheit des Abends ein. Zum 'Bolero' von Ravel laufen die sechs neu erworbenen Friesen ihre Figuren. Die kurze Dressurfolge sieht wiederum Marek Jama im Mittelpunkt. Weiter geht es im spanischen Stil mit dem Ballett, dass die 'Hohe Schule' begleitet. Diese wurde in der besuchten Vorstellung von Denisa Stipka alleine geritten. Auf einem prächtigen Friesen zeigt sie eine ansprechende Kür und durch die Einbeziehung des Balletts erhält die Nummer zusätzliche Schaueffekte.

Das Fangnetz steht, das Ballett inszeniert 'Karneval in Rio', dann erleben wir die artistisch stärkste Darbietung des Programms. Die Flying Mendonca brillieren am Trapez. Zahlreiche Sprünge, u. a. doppelter Salto gestreckt, dreifacher und Passage, werden von den vier Fliegern/Innen elegant ausgeführt und allesamt sehr sicher im ersten Versuch gefangen. Diese Darbietung macht Stimmung und lässt das Publikum erstmals richtig mitgehen.
Den zweiten Programmteil eröffnet Alexander Lacey mit seiner gemischten Raubtiergruppe. Diese immer wieder aufs Neue faszinierende Dressurschau hat sich leicht verändert. Vier Tiger, zwei Löwinnen und der Löwenmann Massai nehmen ihre Plätze ein. Die Trickfolge läuft wie gewohnt, nur der Rachentrick entfällt, wobei die Aufgaben von Massai nun von einem Tiger übernommen werden. Massai scheint eine Art Vorruhestand zu genießen. Er sitzt ausschließlich an seinem Platz, wird nur in einer Schmuseszene von Alexander Lacey in den Abfall mit eingebunden.
Die nachfolgende Strapatendarbietung wurde vertretungsweise vom Duo Jungle, die beiden sind Mitglieder der Mendonca, übernommen. Zu 'My heart will go on', diese Nummer ist die einzige die nicht vom Orchester begleitet wird, zeigen sie ihre attraktiven Tricks.

In stilisierten Matrosenkostümen leitet das Ballett zur Seelöwendarbietung mit Monika Sperlich über. In spielerischer Manier zeigen die beiden Robben ihr Können.
Die anschließende Handstandequilibristik von Jurie Basiul verfehlt auch in dieser Manege nicht ihre Wirkung auf das gebannt zuschauende Publikum. In deutlicher Anlehnung an sein Vorbild Anatoli Zalewski verbindet er mit fließenden Bewegungen die Handstandposen.
Nach einjähriger Absenz ist Ventriloge Kenneth Huesca zum Circus Charles Knie zurückgekehrt. Mit Saxophon (Hello Dolly), dem Dialog mit seinen Puppen, dem Xylophon (Renz Galopp) und drei Freiwilligen aus dem Publikum heizt er die Stimmung im Zelt an. Insgesamt erscheint die Nummer ein wenig gestrafft, wird dichter und schneller vorgetragen.
Den artistischen, furiosen Schlusspunkt setzen die vier Nistorov mit ihrer Akrobatik auf Rollschuhen. Rasant und jugendlich frisch im Verkauf bieten sie so gut wie alle Tricks des Genres.
Zum Finale wird ein liebevoll gestalteter, großer „Heißluftballon“ in die Kuppel des Chapiteau gezogen aus dessen Gondel Versace Konfetti regnen lässt. Mit großem revuehaften Auftritt erregt das Ballett nochmals Aufmerksamkeit und begleitet dann die Artisten bei deren namentlicher Vorstellung. Sehr schön wird mit dem Ballon das Thema der Reise um die Welt dargestellt, schade nur, dass erst im Finale die erste visuelle Umsetzung erfolgt. So bleibt das Motto für viele Besucher nur ein Werbetext auf den Printmedien und der Ballon im Finale ein netter Gag ohne näheren Bezug zum vorher Gesehenen.

„Supercircus“ strahlt es in Großbuchstaben über dem Zelt des Circus Charles Knie. Es ist in der Tat ein großer moderner Circus mit sehr gutem Erscheinungsbild, der da in der, mittlerweile leider sehr ausgedünnten, deutschen Circuslandschaft entstanden ist. Das Programm zeigt sich der Unternehmensgröße angemessen, ist mit einem sich stetig zum Finale hin steigernden Spannungsbogen publikumswirksam angelegt. Natürlich gibt es in einem Unternehmen dass erst im vierten Jahr reist noch Möglichkeiten dieses zu perfektionieren. So darf man „Supercircus“ als einen weiteren branchenüblichen Superlativ ansehen.
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