Text und Fotos Friedrich Klawiter
CIRCUS BARELLI  
Nürnberg, 14. Februar 2009

www.circus-barelli.com
Auf dem offiziellen Festplatz der Stadt Nürnberg am Dutzendteich feierte Circus Barelli die Saisonpremiere. Nur wenige Tage verblieben nach dem Ende des Augsburger Weihnachtsgastspiels hierher um zu ziehen. Die Wetterkapriolen mit Sturm, Frost, Schnee und Eis ließen die Zeit knapp werden und so war man noch kurz vor Beginn des Einlasses mit letzten Arbeiten zu Gange, während aus dem Chapiteau kurze Musikpassagen von der Generalprobe des neuen Programms zu hören waren. Man hatte wie gewohnt groß und perfekt, auf  vollkommen vereistem Untergrund, aufgebaut. Der bestens einsichtige Platz offenbart den großen Umfang des von Barelli mitgeführten Materials. So wird schnell klar, dass die Werbeaussage vom „zweitgrößten Circus Deutschlands“ nicht ohne soliden Hintergrund gemacht wird.
Neben diversen Neuanschaffungen im Wohnwagenequipement der Familie fällt vor allen Dingen der flammneue Stall ins Auge. Das weiße große langgestreckte Zelt steht frei, braucht keine Abseglungen und bietet in geräumigen Boxen dem gesamten umfangreichen Tierbestand des Circus Platz.

Beinahe bis auf den letzten Platz ist das Gradin besetzt, als das neue Programm der aktuellen Spielzeit beginnt. Timmi Barelli erscheint im Habitus eines Hausmeisters - im roten Kittel - und fegt die letzten Sägemehlkrümel von der Piste. Vom Oberrequisiteur zu mehr Eile animiert wendet er sich der Bühne zu, entdeckt dort eine rote Stallmeisteruniform und träumt von einer großen Karriere. Alexandra, die Tochter der Taschkenbaevs, kommt dazu, beginnt ihre Kür am Ringtrapez. Ein- zweimal ist sie wieder auf der Bühne zurück, bestärkt Timmi in seinem Vorhaben, hilft beim umziehen und schminken.  Diese des öfteren einem Opening zugrunde liegende Idee,  wird hier sehr charmant, mit vielen eigenständigen Elementen versehen, präsentiert. So wird denn der Hausmeister Timmi in den Clown verwandelt. Dann hebt sich der Vorhang, gibt den Blick frei auf die prächtige Kulisse und das nunmehr elfköpfige Orchester, mit Sänger, sorgt für einen ersten Aha-Effekt im Gradin. Das komplette Ensemble kommt, Konfetti ins Publikum werfend, durch die Aufgänge auf die Bühne und Franz Barelli heißt Willkommen.

Dann sorgt Daniel Badea als Jongleur auf freistehender Leiter für einen furiosen Auftakt. Zunächst arbeitet er kurz mit fünf kleinen Bällen zu ebener Erde. Es folgen Jonglagen mit fünf Keulen, bzw. Ringen auf der Leiter. Handstand auf der Leiter und Fackeljonglage auf der Bühne beschließen diesen Auftritt.

Die Nummern der Direktionsfamilie werden in bewährter Weise weiterhin en Bloc präsentiert. Großer orientalischer Umzug als Einleitung, dann die vier Kamele im Zusammenspiel mit den vier Friesen. Darauf folgt die bekannte Arbeit der sechs Dromedare. Timmis Jongleur-Reprise mit den drei Regenschirmen überbrückt die Installation der Tuchstrapaten. Diese zweite Darbietung unter der hohen Kuppel des Barelli-Palastes besticht seit jeher durch die perfekte Symbiose von Genre, Musik/Gesang, Licht, Kostüm. Salima Folco' s Auftritt erzielt denn auch an diesem Abend wieder die gewünschte Wirkung auf die Zuschauer. Rolina Spindler-Barelli  präsentiert elegant und mit großer Ausstrahlung die Araberfreiheit. Die Hohe Schule reitet Ramona in neuem Styling. Der Auftritt wird nun im Zigeunerlook ohne begleitende Tänzerin geboten. Das große Entree von Timmi und seinen drei Mitstreitern garantiert auch weiterhin Erfolg und großen Applaus. Zurückgekehrt in die Barellimanege, oder besser gesagt darüber, sind die vier Taschkenbaev. Ihre starke Trickfolge wird hervorragend gearbeitet und sehr sympathisch verkauft. Sie begeistern jedes Mal aufs Neue mit ihrer exzellenten Nummer. Dann hat der Direktor das Wort. Harry Spindler-Barelli bittet zur Pause und offeriert einen Besuch der reichhaltigen Tierschau, auf dass sich ein jeder von den erstklassigen Haltungsbedingungen und dem einwandfreien Zustand selbiger überzeugen kann. Hierbei legt er ein rhetorisches Talent an den Tag, dass allen Respekt verdient.


Den zweiten Programmteil eröffnet das Duo Romanoff an der Ring-Stirn-Perch. Bodo Wünsch und seine Tochter Jenny verkaufen ihre Tricks in gewohnt souveräner, publikumswirksamer Manier. Harry Barelli kündigt die folgende Exotendressur an, betont dabei, dass es Wildtiere seien und  auch immer bleiben werden. Zum Circus gehörten traditionell Tiere, auch Wildtiere. Mit guten Haltebedingungen und vertrauensvollem Umgang sei deren Verbleib  im Circus auch weiterhin möglich und zu verantworten. Dann kommen die Zebras unter der Peitschenführung von Franz Barelli zu ihrem Manegendebut. Sie zeigen eine ansprechende Laufarbeit, wenngleich ein wenig Unsicherheit und fehlende Routine nicht zu verbergen sind.
Dann ist es soweit, das Comeback - oder wie die französischen Circusse in ihrer Werbung mit Vorliebe titeln „Le Grand Retour“ von Hannibal. Nach einigen Monaten Absenz ist der Flusspferdbulle wieder Teil der Barelli-Menagerie und wird von Franz wie gewohnt präsentiert. Mit einem weiteren Debut wartet das aktuelle Barelli-Programm auf. Katja, eine weitere Tochter der Taschkenbaev, hat sich Hula Hoop als Disziplin gewählt. Eine ansprechende Kür hat sie sich erarbeitet.

Perfekt wie eh und je die Freiheitsdressuren vorgeführt von Harry Barelli. Ein achter Zug Friesen, das Groß-und-Klein sowie diverse Da Capo Pferde folgen den Kommandos des Direktors. Das neue Entree 'Opera', ist naturgemäß auch von der Spielfreude der 'Freiwilligen' abhängig, bringt die Stimmung auf den Höhepunkt. Neu im Programm die Finalnummer. Die fünf Kenya-Boys bieten das komplette Repertoire schwarz afrikanischer Springertruppen. Limboshow, Reifen springen und Pyramiden bauen werden flott und routiniert gearbeitet.

Es ist ein Trend der letzten Zeit, in vielen führenden Circussen gehört ein wenig Gesang zum Finale. Timmi Barelli leitet mit dem Freddy Quinn Song „Ja, wir sind Artisten“ zum Finale über. Wie gewohnt wird es ganz groß mit Seifenblasen und Konfettiregen zelebriert. Die Choreographie ist ein wenig modifiziert, u. a. treten nun auch Rolina und Harry Barelli genau wie die anderen Artisten einzeln vor, um ihren wohlverdienten Applaus entgegen zu nehmen.

Nun findet Timmi' s Traum sein Ende. Er schminkt sich ab, legt die Livree ab, wird wieder zum Hausmeister. Ein letztes Stück, Frank Sinatras „My Way“,  auf der Trompete. Die Herren Spindler-Barelli umarmen einander, der Vorhang vor dem Podium fällt, das Orchester verstummt und nach rund drei Stunden vorzüglicher unterhaltsamer klassischer Circuskunst endet ein interessantes Programm. Frei nach Ernst Günther soll Hans Stosch-Sarrasani sein Ideal einer Circusvorstellung als „Fest für die Augen“ bezeichnet haben. Beim verlassen des Circus  Barelli weiß man, was er gemeint haben mag.
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