optimiert



Text und Fotos Friedrich Klawiter
Augsburger Weihnachtscircus
Augsburg, 2. Januar 2009

www.circus-barelli.com
In dieser Weihnachtsspielzeit hat man sich im Hause Barelli auf einen Weihnachtscircus beschränkt und nach einigen Jahren Abstinenz wieder einmal Augsburg als Spielort ausgewählt. Groß und prächtig ist der Circus aufgebaut, und der hervorragend restaurierte Hanomag-Traktor in der Front ist der besondere Blickfang. Die zahlreichen Lichterketten funkeln, wirken besonders effektvoll - werden hier doch gelbe statt weißer Glühbirnen eingesetzt. Die zahlreichen nur kurz aufblitzenden hellen Lichter in den Ketten am Chapiteau ziehen auch die Blicke der zufällig Vorbeikommenden an.

Die Weihnachtsdekoration beschränkt sich auf einige Tannenbäumchen am Zaun sowie einen Adventskranz im Tunnel zum Chapiteau. Dieses ist auch ohne zusätzliche Dekoration prächtig ausstaffiert. Immer wieder findet man Möglichkeiten, das Erscheinungsbild im Innern zu verbessern. Zuerst wurden die „Logen-Bankreihen“ des Gradins mit roten Samthussen überzogen, im Laufe des Sommers der Teppichbelag von Bühne und Aufgängen erneuert. Auch die Piste wurde renoviert. Nun zeigen sich die Sitzbretter des Gradins mit neuem textilem Belag versehen. Am augenfälligsten sind aber die neuen, beleuchteten Notenpulte des Orchesters. Genau wie die Hintergrundbeleuchtung der Orchesterbühne wechseln sie permanent die Farbe. Im gut besetzten Rund startet das Programm in gewohnter Weise. Timmy sorgt mit seiner Applaus-Animation und Glockenspiel gleich für die notwendige Stimmung. Immer wieder faszinierend zu beobachten ist die Reaktion des unvoreingenommenen Publikums, wenn der Vorhang sich hebt und den Blick auf den überaus prachtvollen und so fast nirgendwo anzutreffenden Artisteneingang freigibt. Das hervorragende Orchester, inklusive Sänger sind zehn Musiker zu zählen, setzt voll ein, Franz Spindler-Barelli betritt die Bühne und heißt das Publikum „in unserem Zuhause, im Circus Barelli“ willkommen. Dass dies nicht nur eine leere, gut klingende Worthülse ist, verdeutlicht die Familie in gut sechzig Minuten, in denen sie die Spielfolge ohne Beteiligung fremder Artisten erstklassig gestalten. Mit großem orientalischem Umzug wird die Dressurkombination von vier Friesen mit vier Kamelen eingeleitet. Prachtvolle Schabracken auf den Trampeltieren, üppige Federpuschel der Pferde und das farblich perfekt harmonierende Kostüm des Vorführers Franz Barelli, an diesem Abend hatte man sich für die schwarz-gelbe Variante entschieden, ergeben ein überaus gelungenes Bild.

Gleich im Anschluss, und genauso perfekt eingeleitet und verkauft, die schwungvolle Dressur von sechs Dromedaren. Im Zusammenspiel mit dem Oberrequisiteur folgt die erste Reprise von Timmy Barelli als „störender
Zuschauer“. Seine Lebensgefährtin Salima Folco zeigt ihre Kür an den Strapatentüchern. Dann gehört die Manege Rolina Spindler-Barelli. Sie präsentiert acht Araber - vier braune und vier weiße - mit großem Charme und selten zu sehender Eleganz. Die Pferde zeigen mannigfaltige interessante Lauffiguren und einige Da-Capo-Steiger sind der krönende Abschuss dieser famosen Leistung. Hohe Schule reitet Ramona Spindler auf zwei verschiedenen Pferden. Mit großer Aufmachung sowie perfekter Unterstützung von Licht und Musik, nicht zu vergessen die Erhöhung des Showwertes durch eine Tänzerin, wird dieser Auftritt zu einem echten Highlight. Das folgende große Entree von Timmy und Franz Barelli sowie Romeo und dem Oberrequisiteur wird mit viel Musik und einigen Kalauern verkauft und findet im Publikum immer wieder großen Anklang. Dass gute Livemusik einen jeden Auftritt aufwertet, ist zur Genüge bekannt. So kann man die hervorragende Leistung von Orchester und Sänger sowie die außerordentlich geschickte Musikauswahl in Verbindung mit einer stimmungsvollen Lichtregie kaum genügend betonen. Eine feine Leistung zeigt das Trio Stoian auf dem Schleuderbrett. Hoch und elegant ausgeführte Flüge werden sehr sicher auf Händen und Schultern der Partner gefangen. Ein Klassiker, nicht nur in der Barelli-Manege, sind die „Alten Kameraden“. Mit viel Spielfreude, artistischem Können und einer gehörigen Portion Klamauk sorgen Timmy Barelli und seine vier Partner vor der Pause noch einmal für großen Schwung.


Standen im ersten Programmteil die Auftritte der Familie Spindler im Fokus, wird der zweite mehr von den engagierten Artisten gestaltet. Zunächst arbeitet Gina Giovannis auf dem Drahtseil. Ihr Requisit wird auf der Bühne errichtet, und so findet ihr Auftritt in beachtlicher Höhe statt. Gleich im Anschluss das Duo Romanoff an der Ring-Stirn-Perche. Es ist faszinierend zu sehen, wie Bodo Wünsch und seine Tochter allein durch eine veränderte Art des Verkaufs während der rund zwölf Monate, die sie nun bei Barelli auftreten, an Publikumswirksamkeit dazu gewonnen haben. In der besuchten Vorstellung war auch Timmy auf dem Musikerpodium zu finden und begleitete mit dem Sänger im Duett den Auftritt der beiden. „Der Chef des Hauses, Herr Direktor Harry Barelli“, wie er angekündigt wird, zeigt derzeit einen Achterzug Friesen, die neue üppige blaue und weiße Federpuschel tragen. Es folgen ein Groß-und-Klein sowie diverse Da-Capo-Pferde. Elegant im Smoking und mit unnachahmlicher Nonchalance präsentiert der Chef die perfekt laufenden und publikumswirksame Figuren zeigenden Pferde.

Timmy jongliert kurz mit drei Regenschirmen, und dann kommt Gina Giovannis zu ihrer zweiten Darbietung. Wieder einmal hat die erfahrene Artistin ihre Handstandequilibristik komplett neu gestaltet. Nach der Präsentation auf einem überdimensionalen Hut ist sie nun wieder, ganz klassisch, auf einen hohen Piedestal zurückgekehrt. Elegant wie immer, kraftvoll und sehr sicher werden mannigfaltige Handstände, Waagen und Kopfstände gezeigt. Auch der Klötzchen-Sturz ist im Repertoire, und abschließend zeigt sie einen einarmigen Handstand auf einer hoch aus dem Requisit ausfahrenden Stange, ganz im Stil von Encho Keryazov. Ein weiteres großes, neues Entree von Timmy folgt. Opera - die Anleihe an David Larible ist unverkennbar, wobei der Verkauf viel eigenständige Komik erkennen lässt. Abschließend  füllt die Stangenwurfnummer des Trio Stoian noch einmal den weiten Raum des Barelli-Palastes mit elegant ausgeführten Flügen.

Dann folgt das hinlänglich bekannte, ganz groß zelebrierte Barelli-Finale mit Seifenblasen und Konfettiregen. Die Herren Spindler-Barelli umarmen einander, der Vorhang vor dem Podium fällt, das Orchester verstummt und nun erst, nach rund drei Stunden vorzüglicher unterhaltsamer klassischer Circuskunst,  verlassen die ersten der restlos begeisterten Zuschauer das Chapiteau.